Psychische Probleme führen schnell in eine Abwärtsspirale, die sich immer schneller dreht. Durch Beratung oder Psychotherapie kann diese Spirale angehalten und überwunden werden. Wartet man aber ab, in der Erwartung, es würde von selbst wieder besser, so kommt es zu einer zunehmend unrealistischen Bewertung alltäglicher Vorgänge, zu einer einseitigen Denkweise und zu einer Einschränkung, auf Situationen flexibel, creativ und angemessen reagieren zu können. Damit schädigt man sich selbst, schädigt die Beziehungen und andere Menschen.

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Eine vergleichende Erinnerung von Stimmungen und Gefühlen ist kaum möglich

Das Tückische bei länger bestehenden psychischen Problemen liegt in einer schleichenden Verschlechterung der Stimmung. Für die Intensität von Gefühlen oder die Qualität einer Stimmung haben wir Menschen nur wenig Erinnerungsvermögen. Statt dessen können wir uns an die damit verbundenen Gedanken, Bewertungen, Verhaltensweisen und an die Folgen, die dies hatte erinnern – und das auch oftmals nur unter Anleitung im Rahmen einer Beratung oder Therapie.
Wegen der schleichend vonstatten gehenden Verschlechterung bemerken wir die sich immer schneller drehende Abwärtsspirale erst dann, wenn auffällige Symptome und Ausfallerscheinungen auftreten oder andere Menschen uns unmissverständlich auf den Zustand ansprechen.

Scheinlösungen mit echten Lösungen verwechselt

Die meisten psychischen Probleme entstehen, weil wir Menschen (als eigentlich lustorientierte Wesen) versuchen, Leid zu vermeiden. Um mit leidvollen Erfahrungen oder Gefühlen konstruktiv umgehen zu können und konstruktive Lösungen zu finden, benötigt man Anleitung von Menschen, die darin Erfahrung haben. Findet diese Anleitung nicht oder unzureichend statt, erfinden Menschen Bewältigungsstrategien, um Leid zu verringern oder zu vermeiden. Und weil die oft einen kleinen, kurzfristigen und schnellen Erfolg bringen, werden diese mangelhaften Strategien als echte Problemlösungen empfunden.

Solche Scheinlösungen können aber auch von anderen Menschen (z.B. den Bezugspersonen) mit Vorbildfunktion erlernt werden. Wenn die Eltern nur geringe Fähigkeiten haben, mit Konflikten konstruktiv umzugehen, werden die Kinder wohl kaum Konfliktlösungs-Kompetenzen entwickeln können, sondern eher das ungünstige Verhalten der Eltern übernehmen. „Denn die Eltern müssen doch wissen, wie es richtig geht!

Scheinlösungen verfestigen sich: durch „Software”

Werden diese Scheinlösungen oder Bewältigungsstrategien im weiteren Leben nicht mehr korrigiert, dann verfestigen sie sich als „Gewohnheit” und man ist nicht mehr offen für alternative Lösungsmöglichkeiten. Es können daher keine korrigierenden Erfahrungen mehr gemacht werden.
Dieser Lern-Effekt ist mit der Software eines Computers, mit einem Programm vergleichbar. In einer Therapie kann die Software bewusst gemacht und alternative Möglichkeiten gegenüber gesteltl werden. Durch Erproben dieser alternativen Möglichkeiten im Fühlen, Denken und Verhalten im Lebensalltag können die Klienten ihre „Programme” verändern oder löschen oder neue Programme zur Auswahl hinzu nehmen. Diese Veränderungen benötigen daher einige Zeit, denn ungünstige Lösungen müssen regelrecht „verlernt” und durch eine creative Flexibilität und eine Freiheit der Wahl ersetzt werden. Was nur eine relativ kurze Zeit über als ungünstige Strategie verwendet worden ist, lässt sich in ähnlich kurzer Zeit wieder derart verlernen, dass man anschließend wieder frei ist in der Wahl seines Fühlen, Denken und Handeln.

Scheinlösungen verfestigen sich besonders hartnäckig: durch „Hardware”

Je länger aber die ungünstigen Scheinlösungen oder Bewältigungsstrategien bestehen bleiben, desto mehr werden diese in bestimmten Hirn-Arealen verankert. Dies geschieht durch die sogenannte Neuroplastizität des Gehirn. Denn das Gehirn trainiert sich selbst – ähnlich wie ein Muskel beim Sport. Die Hirn-Areale, die z.B. bei depressiven Stimmungen und Gedanken oder z.B. im Rahmen einer manischen Phase immer wieder aktiviert werden, erhöhen die Anzahl neuronaler Verknüpfungen und werden immer „leistungsfähiger im depressiven Denken” oder in manischer Aktivität.
Dieser Effekt ist vergleichbar mit einer Hardware-Programmierung eines Computers. Und es leuchtet ein, dass sich solchermaßen trainierte Hirn-Areale nicht so schnell zurückbilden, wenn sie aufgrund einer Psychotherapie nicht mehr benötigt werden! Die Schlussfolgerung daraus: Je länger ein psychisches Problem untherapiert bestehen geblieben ist, desto wahrscheinlicher hat sich das Gehirn der Problematik angepasst. Und deshalb dauert der Therapieprozess und auch die Zeit, in der immer wieder mal „Rückfälle” möglich sind, sehr viel länger, als bei den oben beschriebenen „Software-Probleme”.

ohne Therapie: Chronifizierung in „Soft- und Hardware” = aufwendige, längere Therapie

Natürlich lassen sind die Grenzen zwischen Soft- und Hardware fließend und immer sind beide an einer psychischen Problematik beteiligt. Von Chronifizierung kann man immer dann sprechen, wenn eine Beratung oder Therapie hinaus gezögert wurde (z.B. wegen der extrem langen Wartelisten der kassenfinanzierten Psychoptherapie) und sich die Schwiergkeiten in Soft- und Hardware festgesetzt haben. Dann ist während der Therapie und in den ersten Jahren nach Abschluss der Therapie immer wieder mal mit „Rückfällen” in alte Muster zu rechnen, die aber immer seltener werden.

Je schwere die ursprünglichen Beeinträchtigungen waren und je länger diese bestanden, desto länger wird die Therapie und die nachfolgende Phase der Umsetzung der Erkenntnisse aus der Therapie im Lebensalltag dauern. Diese Phase kann bis zu 5 Jahre dauern und mehr, während die eigentliche Therapie bereits nach 1 bis 2 Jahren abgeschlossen war.