Depression wird wegen deren ständiger Zunahme oft als „Volkskrankheit Nr. 1” bezeichnet. Die Doppelbödigkeit lässt sich erahnen: denn eine starke wirtschaftliche Abwärtsbewegung wird ebenfalls als Depression bezeichnet. Aber wir haben nicht nur eine „Abwärtsbewegung” — wir erleben eine globale Finanzkrise! Depression sollte daher unbedingt auch als Spiegel unserer psychosozialen und gesellschaftspolitischen Lebensbedingungen „systemisch” gesehen und therapiert werden.

Denn wie können wir gesund bleiben, wenn das Gesellschaftssystem nicht den Menschen und die Erfüllung seiner echten psychosozialen Bedürfnisse, sondern den Profit in den Mittelpunkt stellt? Wenn daher psychisches Leid und psychische Störungen der Menschen bewusst und billigend in Kauf genommen werden? Über 25% aller Arbeitnehmer leiden an ernsten psychischen Problemen! — Wie können wir in diesem System leben und dennoch gesund bleiben?

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1. Depression bleibt oft zu lange Zeit unentdeckt

Von Depression Betroffene wissen oft nicht, dass sie ein ernstzunehmendes Problem haben! Sie sagen sich (und hören es oft sogar von anderen), sie müssten sich „nur mehr zusammenreißen” und „mehr anstrengen”, dann wird das wieder! „Kopf hoch”! — Fataler Weise verschärfen derart wohlgemeinte Äußerungen die depressive Entwicklung und verharmlosen das Problem.

Auch der von Depression Betroffene neigt dazu, sein Problem zu verharmlosen. Denn er ist kaum in der Lage, anderen in klaren Worten mitzuteilen, was ihm denn nun eigentlich fehlt. Sich völlig ausgelaugt und erschöpft zu fühlen, Schlafstörungen zu haben oder zu nichts mehr Lust zu haben, das wird teils in unserer Leistungsgesellschaft oft schon als Normalzustand angesehen: Sind das nicht nur Launen, die auch wieder vergehen? Einfach nur „ein Durchhänger”? 

Mit solchen falschen Vertröstungen vermeiden es Betroffene, sich fachkundige Hilfe in einer Therapie zu holen, bevor es noch schlimmer wird und die Symptome chronisch werden und die Therapie dadurch immer aufwändiger und länger wird.

Das Beschwerdebild einer Depression kann derart unklar sein, dass ein Hausarzt in der leider üblichen, knappen Behandlungszeit die Depression nicht erkennt und dann (vergeblich) versucht, die vielfältigen körperlichen Begleiterscheinungen der Depression zu behandeln.

Der Betroffene ahnt vielleicht, dass er ein psychisches Problem hat. Aber er gibt es häufig nicht zu, denn psychische Probleme sind in unserer neoliberalen, leistungs-überbetonten und effizienz-getriebenen Gesellschaft tabu.
Außerdem sind viele Menschen allzu oft in Ihrem Leben zutiefst gekränkt worden, weil andere sich über ihre Unzulänglichkeiten und Eigenarten lustig gemacht und sie abgewertet haben. Und so vermeiden sie, einen Berater oder Psychotherapeuten aufzusuchen, weil sie befürchten, dort erneut als unzulänglich, schwach und fehlerhaft dazustehen und sich dafür zu schämen.

2. Gesellschaftliche Tabuisierung von psychischen Problemen

Unsere heutige Kultur und Gesellschaft ist geprägt von rationalem, kontrollierten Verhalten, von der Überbetonung von Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Ein psychisches Problem wird oft in Verbindung gebracht mit Befürchtungen des Verlusts von Kontrolle über sich selbst und über die eigenen Belange (Autonomie-Verlust) sowie mit der Befürchtung einer Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben.
Zu der Angst aufgrund dieser Befürchtungen gesellt sich die Scham, schwach, unzulänglich und somit weniger wert zu sein, als andere Menschen. Angst und Scham fördern eine depressiv-negative Denkweise, schädigt den Selbstwert und treibt die Betroffenen immer schneller und tiefer in die Depression hinein.
Zudem möchte der Betroffene nicht mit seiner Schwäche und depressiven Hilflosigkeit von anderen gesehen werden und geht in den Rückzug und die Isolation. Die Einsamkeit und Isolation schmerzt dann zusätzlich und fördert depressives Grübeln, mit dem ein Ausweg gefunden werden soll.

Falls Verwandte, Freunde und Bekannten des Betroffenen überhaupt bemerken, dass jemand depressiv verstimmt ist, fühlen sie sich meist hilflos und wissen nicht, wie sie sich am besten gegenüber dem Betroffenen verhalten sollten. Zudem unterliegen auch sie den gesellschaftlichen Vorurteilen und Tabuisierungen: Sie schämen sich dafür, dass ein ihnen nahe stehender Mensch ein psychisches Problem hat, weil sie damit selber „in die Nähe” solcher Probleme gebracht werden könnten.
Gerade so wurde in alten Zeiten mit „Aussätzigen” umgegangen. Entweder man verschweigt das Thema oder man nimmt offiziell und räumlichen Abstand zum Betroffenen ein — wodurch dieser noch einsamer wird.

Die katastrophalen Mechanismen und Prinzipien solcher „Abwärtsspiralen” wirken bei nahezu jeder psychischen Problematik und so finden sich depressive Symptome häufig als Begleiterscheinung einer anderen Problematik. (siehe hierzu auch mein Artikel über die Chronifizierung von psychischen Problemen)

3. Antidepressiva schaden mehr, als sie nützen!

Ich stehe der Verordnung von Antidepressiva und Neuroleptika außerordentlich kritisch gegenüber. Denn man kann damit lange Jahre die tiefer liegende Problematik massiv zudecken und sich in die Tasche lügen, die Depression sei nun geheilt und der Mensch „funktioniert” wieder. Allein die Tatsache, dass viele Patienten die Antidepressiva über viele Jahre hinweg, manchmal sogar jahrzehntelang verordnet bekommen und dennoch „Rückfälle” bekommen, deutet darauf hin, dass diese Ansicht richtig ist:
Die Ursache ist einfach nicht beseitigt! Antidepressiva wirken nicht ursächlich, täuschen diese Wirkung aber vor (falls sie überhaupt wirken!). Sie wirken allesamt gefühlsdämpfend und behindern damit den Zugang zu den Gefühlen, der aber in der Psychotherapie und zum Empfinden von Lebenslust dringend benötigt wird. Sie stören oder verhindern damit eine erfolgreiche Psychotherapie.
Zusätzlich treten meist erhebliche Nebenwirkungen auf (z.B. Gewichtszunahme, Potenz- und Libido-Störungen, Störungen im Blutbild und der Herzaktivität / EKG usw.), deren Tragweite oft noch gar nicht erforscht ist. Solche Nebenwirkungen und Beeinträchtigungen drücken aber wiederum das Selbstwertgefühl und können die Depression auf diese Weise verstärken!

Zudem sind sich kritische, nicht der Pharma-Industrie hörige Psychiater und Psychotherapeuten längst darüber einig: Nur etwa 20% aller Menschen verspüren eine antidepressive Nutzwirkung der Medikamente, die aber bestenfalls nur aus einer Dämpfung des Gefühlslebens besteht. Bei allen anderen Menschen würde ein Placebo die gleiche Wirkung erzielen. Siehe hierzu auch die Studie des IQWIG, nach der ausgerechnet die angeblich so modernen Mittel Venlafaxin, Duloxetin, Bupropion und Mirtazapin nicht besser abschnitten, als Placebos!
Placebos hätten allerdings den Vorteil keine Nebenwirkungen zu erzeugen und wären nahezu kostenlos! Dennoch wird die Verordnung von Antidepressiva nicht verringert, sondern von Psychiatern sogar auf immer weitere „Anwendungsgebiete” ausgedehnt, Kinder eingeschlossen.

Oft wird behauptet, die „modernen Antidepressiva vom SSRI-Typ” hätten wenig Nebenwirkungen und wären viel wirksamer. Dummerweise gehören aber die oben in der Studie des IQWIG genannten Mittel zu den SSRI. Viel aufschlussreicher ist aber das Buch „Nebenwirkung Tod” von Dr. John Virapen. Er war Top-Manager und Verkaufsleiter bei einem der weltgrößten Pharma-Konzerne, der Firma Eli-Lilly. In seinem Buch berichtet er über die kriminellen Tricks, mit denen Psychopharmaka in den Markt gedrückt werden.

Aber auch die Betroffenen selbst befürworten oft die Einnahme von Antidepressiva: Sie haben Angst, durch Bekanntwerden der Depression beim Arbeitgeber oder durch Krankschreibung ihren Arbeitsplatz zu gefährden. So opfern sie langfristig gesehen ihre Gesundheit für den kurzfristigen Vorteil, den Arbeitsplatz sichern zu wollen.
Angesichts der weitgehenden Wirkungslosigkeit oder wegen der zahlreichen, teils massiven Nebenwirkungen der Antidepressiva wird diese Rechnung nicht aufgehen. Und zusätzlich verstärkt sich die Depression immer mehr, weil ja — wie oben dargestellt — die Ursachen nicht aufgearbeitet und behoben sind! Ich habe noch nie erlebt, dass eine psychische Problematik (die bekanntlich durch extreme Denk- und Sichtweisen auf die Realität entsteht) durch Einnahme von Pillen behoben werden kann. Pillen können das Denken, das Verhalten und die Erwartungshaltung nicht ändern! Deshalb besteht die Gefahr der Chronifizierung der Depression!

Die Depression ist eine mächtige Sprache der Seele. Sie ist ein Schrei äußerster Not, eine Aufforderung, doch endlich den Überlastungszustand zu beenden und am besten danach herauszufinden, warum man denn wider besseres Empfinden die Überlastung weiter fortgesetzt hat — und nicht die Aufforderung, diesen Hilfeschrei (diese Gefühle) zu dämpfen oder zu unterdrücken durch Psychopharmaka!

5. Depression — was ist das eigentlich? Wie fühlt sich das an?

Es gibt eine Vielfalt von Erscheinungen, wie sich Depression anfühlt. Einige typische Beispiele:
  • Menschen, Dinge, die Zukunftsaussichten, die eigene Situation, menschliche Beziehungen… alles wird negativ bewertet, abgewertet und entwertet.
  • Es entsteht allmählich ein „Tunnelblick”, mit dem der Betroffene zunehmend nur noch wahrnimmt, was alles schlecht in seinem Leben ist, was alles nicht funktioniert, was alles bedrückend und leidvoll ist und dass es nichts Gutes mehr für ihn gibt.
  • Die Leistungsfähigkeit sinkt. Konzentrationsmangel, z.B. wegen Schlafproblemen aber auch wegen andauernder Grübelei und wegen des empfundenen Dauerstress, schließlich treten sogar Entscheidungsschwierigkeiten selbst in Kleinigkeiten des Alltagsgeschehens auf und machen dem Betroffenen Angst, er könne demenziell erkrankt sein. (Ursache sind die Wirkung der körpereigenen Stresshormone) Er beginnt, sich für seine Ausfall-Erscheinungen zu schämen. Und Scham ist das heftigste Gefühl, das den Selbstwert direkt angreift und so die depressive Entwicklung verstärkt.
  • Fast immer entsteht auch ein gewaltiger Hass, der sich zunächst auf „die anderen” richtet, denen man die Schuld am eigenen Unglück gibt, ein Hass auf all das, was man im Außen als negativ empfindet. Später schlägt der Hass um und der von Depression Betroffene richtet ihn immer mehr gegen sich selbst, weil er sich für seine Schwäche, seine Unzulänglichkeiten selbst hasst und sich oft auch noch selbst dafür bestrafen will (wie er es vielleicht aus seiner Kindheit gewohnt war). Dieser Hass und der Wunsch nach Selbstbestrafung ist oft auch eine Antriebskraft für die Selbsttötung.
  • Die negativen Einschätzungen äußern sich in einer verallgemeinernden, abwertenden, pauschalisierenden und katastrophisierenden, oft auch zynischen Sprache: Es ist alles so aussichtslos. Es hat alles keinen Sinn mehr. Für mich geschieht nichts Gutes mehr. Nie wieder werde ich… Ich hatte niemals eine Chance. Typisch, dass mir das wieder passiert!
  • Der Depressive mag am liebsten gar nichts mehr tun, denn er fühlt sich völlig erschöpft. Daher unterlaufen ihm auch bei einfachen Tätigkeiten Fehler, er vergisst ständig Dinge und kann sich kaum konzentrieren. Zudem nimmt er selektiv nur das wahr, was nicht funktioniert, was schlecht ist usw.. Deshalb zieht er sich von allen Aktivitäten zurück, vernachlässigt seine Umgebung, seinen Haushalt und seine Körperpflege, bleibt immer längere Zeiten hindurch im Bett.
    Das Bestreben, von anderen nicht als „depressiv / krank” erkannt zu werden und deshalb lieber „unsichtbar” zu sein, fördert dieses passive, zurückgezogene Dasein zusätzlich.
  • Die Schwankungsbreite der Gefühle ist sehr eingeschränkt. Das Lustige, Erfreuliche, Angenehme im Leben wird ausgeblendet. Es besteht eine Fokussierung auf alles, was negativ, bedrückend, furchtbar, angsterregend, bedrohlich… ist. Verlustängste oder Verfolgungsängste können ebenfalls auftreten.
    Mit zunehmend tieferer Depression verschwinden sogar diese Gefühle und es entsteht ein nahezu gefühlloser Zustand, der sich wie tot anfühlt, wie bei einem Zombie. Es kann sogar die Farbwahrnehmung verschwinden und die ganze Welt wirkt wie ein Schwarzweiß-Bild.
  • Der von Depression Betroffene isoliert sich immer mehr. Teils geschieht dies, weil er sich schämt und nicht will, dass andere erkennen, wie schlecht es ihm geht. Er möchte die Fassade des „funktionierenden” Leistungsträgers aufrecht erhalten, der über sich selbst und seine Angelegenheiten die Kontrolle und die Macht hat. Daher darf ihm niemand zu nahe kommen, denn sonst könnte ja jemand hinter die Fassade schauen. Die Gefühllosigkeit und die ständigen Abwertungen machen es für Partner besonders leicht, den von Depression betroffenen Partner zu verlassen. Bleibt der Partner jedoch, entsteht fast immer eine Co-Abhängigkeit, ähnlich wie bei Suchterkrankungen. (siehe auch Buchtipp für Angehörige hier)
  • Teils entsteht die Isolation auch durch die „selbsterfüllenden Prophezeiungen”, die der Betroffene abgibt. Er sucht ja geradezu nach allen möglichen Indizien, die ihm seine negativen Einschätzungen bestätigen, wie z.B.: Keiner mag mich, alle sind gegen mich, niemand will mit mir zu tun haben usw.. Da andere Menschen solche Einschätzungen unrealistisch finden und von der Negativität abgestoßen werden, ziehen sie sich von dem depressiven Menschen zurück. Und dieser sieht genau darin wieder seine negativen Erwartungen erfüllt.
  • Zahlreiche psychosomatische Beschwerden (Auswirkungen der Psyche auf den Körper, ohne dass eine rein körperliche Ursache der Beschwerden feststellbar ist), können durch die Depression entstehen wie z.B. Konzentrations-, Denk- und Gedächtnisstörungen, Schwindelgefühle, Blutdruckschwankungen, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Übernervosität, Zittern, Magenbeschwerden, Blähungen, Reizdarm, Reizblase, Durchfalle, Verstopfung, Tinnitus, Hyperakusis und Vieles mehr. Deshalb wird sehr oft zunächst rein körperlich behandelt, ehe die Depression als Ursache erkannt wird. Typisch für diesen Zustand ist, dass kein Mittel und keine Behandlung gegen die körperlichen Beschwerden wirklich hilft, weil die Ursache woanders liegt.
    Die schon erwähnte Passivität, der Rückzug und die mangelnde Körperbewegung begünstigen Probleme im Verdauungstrakt, sowie im Herz-Kreislauf-System.
    Die psychosomatischen Beschwerden erhöhen den Leidensdruck beim Betroffenen und bestätigen ihn in der negativen Grundhaltung sich selbst gegenüber, er sei zu nichts mehr in der Lage, kann nichts mehr leisten und sei nichts mehr wert.
    Insbesondere die Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit, der Gedächtnisleistung, der Entschlusskraft und Entscheidungsfähigkeit ähneln denen einer Demenz. Die Beeinträchtigungen werden jedoch lediglich durch die andauernde Einwirkung der Botenstoffe und Stresshormone verursacht und verschwinden mit der Psychotherapie von selbst wieder und zwar ganz ohne Medikamente! Diese Erlebnisse führen den Betroffenen immer tiefer in die Depression hinein, weil auch hier wieder der Selbstwert leidet. Die Abwärtsspirale in die Depression dreht sich immer schneller. Je tiefer man hinein gerät, desto weniger können sich die Betroffenen daraus selbst befreien und desto dringender ist professionelle therapeutische Hilfe erforderlich.

6. Depression — was sind mögliche Ursachen? Die „Botenstoffe” etwa?

Die Pharma-Industrie und viele Psychiater vertreten die Ansicht, dass erbliche Faktoren die Entwicklung einer Depression begünstigen können und dass sie ausbricht, wenn es dem Körper nicht mehr gelingt, bestimmte Botenstoffe wie Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und andere in einem natürlichen Gleichgewicht zu halten. Daher sei es geboten, durch Eingriff mit chemischen Mitteln (mit Antidepressiva) das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Dagegen steht die Ansicht, dass jedes biologische Lebenssystem meist sehr komplizierte geschlossene Regelsysteme nutzt, die ein Gleichgewicht (=Homöostase) aufrecht erhalten. Genau so funktioniert dies auch bei den Neurotransmittern und den Botenstoffen im menschlichen Gehirn. Unter bedrückenden Lebensumständen oder unter bedrückenden aber unrealistischen Vorstellungen von sich selbst und der Umgebung entsteht Leid und Stress.
Der Körper reagiert mit einer Veränderung der Botenstoffe: Nicht weil sein Regelsystem versagt, sondern gerade weil sein Regelsystem bestens funktioniert! Das Regelsystem schafft die günstigsten Bedingungen, die die Evolution hervorgebracht hat, um mit Stress = Bedrohung umgehen zu können. Die heutigen Lebensbedingungen haben sich jedoch derart schnell verändert, dass die evolutionäre Entwicklung des Menschen damit nicht Schritt halten konnte:

Die Evolution sieht bei Stress die beiden Reaktionsmöglichkeiten Kampf oder Flucht vor. In der heutigen Zeit kommt die Verhaltensweise „Erstarrung” hinzu und hierfür hat die Evolution nichts entwickelt. Also bleibt der Körper in andauerndem Stress-Zustand. Die Botenstoffe und die entstehenden Körperreaktionen sind evolutionär aber nicht dafür vorgesehen, über längere Zeit im Körper zu wirken und so entstehen Fehl-Regulierungen.
Die einfachste Möglichkeit, diese Fehlregulierung zu beheben, ist natürlich, den Stresszustand zu beheben, damit das Regelsystem wieder auf ganz natürliche Weise Tritt fassen kann. Deshalb ist oft ein 6 bis 8-wöchiger Aufenthalt in der beschützenden Atmosphäre einer Psychosomatischen Klinik die gründlichste Möglichkeit, die Depression zu überwinden, zumal man dort hilfreiche Anregungen erhält, wie man künftig nicht mehr in Depression verfällt. Greift man jedoch mit Antidepressiva oder gar mit Neuroleptika in den gestörten Regelkreislauf ein, bestehen gute Chancen, das System gänzlich aus dem Tritt zu bringen! Und es ist fraglich, ob es sich nach längerer Anwendung davon wieder erholen kann!

Aber leider ist ein Klinikaufenthalt teuer, es gibt viel zu wenige Klinikplätze, die Wartezeiten sind unzumutbar lang und in manchen Kliniken stimmt nicht einmal die Behandlungsqualität! Zudem muss ein Psychotherapeut zusammen mit einem Arzt umfängliche Begründungen an die Krankenkasse schreiben, warum ein Klinikaufenthalt erforderlich ist und warum eine ambulante Behandlung nicht ausreicht. Bei all diesen Hindernissen und diesem Aufwand ist es leider verständlich, warum so häufig doch lieber Psychopharmaka verschrieben werden.
Diese Verschreibungspraxis ist deutlicher Ausdruck des Bankrotts und der Korruptheit unseres Gesundheits-Systems: Denn nicht der Mensch, sondern das Einsparen und Geldverdienen steht an erster Stelle!

Aus der Anti-Psychiatriebewegung und von kritischen Psychotherapeuten wird geäußert, dass bei der Sichtweise vieler Psychiater und derjenigen der Pharma-Industrie schlichtweg Ursache und Wirkung verwechselt wird. Denn in tausenden Psychotherapien bestätigt sich immer wieder der folgende Wirkungsmechanismus:
Aufgrund einer tiefer liegenden Ursache (z.B. einer nicht funktionierenden Bewältigungsstrategie und der daraus dauernd erlebten Misserfolge und Kränkungen) entwickelt sich Stress, Überlastung und dann die Depression und ein damit einhergehender Dauerstress.
Und erst in Folge des Dauer-Stresszustands entwickeln sich die Ungleichgewichte der Botenstoffe im ZNS (Zentralen Nervensystem). Jeder Versuch, durch Chemie korrigierend eingreifen zu wollen, bekämpft nicht die Ursache, sondern einen meist gut funktionierenden Regelkreis sowie eine der vielen Folgen der Depression.

Zudem sind die gleichen Botenstoffe, deren Wirkung im Gehirn durch die Antidepressiva manipuliert werden sollen, auch in vielen weiteren Körperregionen und -Funktionen wirksam. Und natürlich wirken deshalb die Antidepressiva auch dort, obwohl sie es nicht sollten. Unerwünschte Nebenwirkungen müssen also zwangsläufig auftreten!
Lange Zeit wurde von Psychiatern und Therapeuten zum Beispiel geleugnet, dass Antidepressiva Libido und Potenz schädigen können. Heute weiß man sogar, dass diese Schädigung oftmals auch nach dem Absetzen der Antidepressiva bestehen bleibt — unter Umständen für den Rest des Lebens!!! (Zynischer Weise haben die von chronischem Verlust ihres Sexuallebens Betroffenen dann tatsächlich einen massiven Grund, wieder in Depression zu verfallen!) Und all das nur, weil Einsparungen und die Profite der Pharma-Industrie als vorrangig angesehen werden statt eine Depression gründlich (= ursächlich) zu therapieren! Denn das dauert länger und in der Therapie teurer und die längere Ausfallzeit am Arbeitsplatz auch. Aber das ist der Preis, den alle Beteiligten dafür zahlen müssen, dass eine ursächliche und nachhaltig wirkende Therapie geleistet wird.

Der Dauer-Stresszustand und die damit verbundene Überschwemmung des ganzen Organismus mit einem körpereigenen „Drogen-Cocktail” führt zu den psychosomatischen Effekten, z.B. dass das klare Denken und die Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit sowie der Tag-/Nacht-Rhytmus und der Schlaf gestört sind und z.B. der Verdauungstrakt „zu spinnen” anfängt sowie Herz-Kreislaufprobleme auftreten und Vieles mehr.

Wird die Depression durch Psychotherapie beseitigt, regeneriert sich der Körper und stellt aus eigener Kraft das natürliche Gleichgewicht der Botenstoffe wieder her. Dies gelingt um so besser und schneller, je kürzer die Depression andauerte.

Ob die natürliche Selbstregulierungsfunktion des Körpers auch dann den Normalzustand wieder herstellen kann, wenn zuvor womöglich über längere Zeit hinweg mit Psychopharmaka eingegriffen wurde, muss angezweifelt werden. (siehe auch die evtl. chronische Impotenz bei SSRI) Darüber existieren merkwürdiger Weise keine Untersuchungen, obwohl Antidepressiva bereits seit 1957 auf dem Markt sind! Daher sieht ein beträchtlicher Teil der Therapeuten den Einsatz von Psychopharmaka sowohl während der Depression als auch während der Regenerationsphase eher als schädlich an. Sogar die aktuelle Behandlungsleitline S3 zur Depression empfiehlt mittlerweile, Antidepressiva nur bei starker mittelschwerer und bei schwerer Depression einzusetzen und in allen anderen Fällen eher Psychotherapie anzuwenden! Die dennoch heute übliche Verordnungspraxis weitet statt dessen die Verordnung immer mehr aus!

Viele von Depression Betroffene klagen auch über psychosomatische Beschwerden. Wenn hier Schmerzmittel oder die Verdauung beeinflussende Mittel oder Schlafmittel verordnet würden, wäre das wenig erfolgreich, weil nur die Symptome abgeschwächt würden und nicht die Ursachen behoben werden! (Diese Verordnung ist leider trotzdem alltägliche Praxis und zuweilen entwickelt sich daraus zusätzlich zur Depression auch noch eine Medikamenten-Abhängigkeit und Suchtproblematik!)

7. Depression — ein Symptom für tiefer liegende Ursachen

Depression ist ein Symptom für eine darunter liegende, ursächliche Problematik. Ein grundsätzliches Problem ist z.B. die Nicht-Erfüllung von wichtigen menschlichen Bedürfnissen, z.B. nach Akzeptanz, Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung, Nähe, Liebe oder z.B. nach Geborgenheit, Sicherheit und Schutz usw. Dazu gehört das mangelnde Vermögen, Gefühle wahrzunehmen und so mit sich selbst verbunden zu sein. Ein psychisch gesunder Mensch wird für sich selbst und die Erfüllung seiner Bedürfnisse sorgen. Und seine Gefühle signalisieren ihm seine Bedürfnisse.

Zur gesunden Entwicklung / zum Leben ist die Erfüllung folgender Kernbedürfnisse erforderlich:
  • körperliche Sicherheit, Schutz, Versorgung
  • sichere stabile Bindungen, Kontinuität, Zuverlässigkeit
  • Geborgenheit, emotionaler Schutz, Vertrauen
  • emotionale Zuwendung, Mitgefühl, Trost
  • Angenommen-Sein wie man ist
  • Ermutigung und Anleitung zur Selbstwirksamkeit und zur Entfaltung der Potenziale
  • Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe
  • Respekt, Beachtung, Berücksichtigung
  • Freiheit zum Ausdruck von Gefühlen + Bedürfnissen, Freizeit, Spiel und Spaß
  • Möglichkeit und Anleitung zu Kontrolle und Abgrenzung, Autonomie
  • Anerkennung, Wertschätzung, Lob
  • Angemessene Grenzen (auch Werte, Maßstäbe)

Diese Bedürfnisse sind universell. Jeder Mensch hat sie und bei einigen sind sie stärker ausgeprägt als bei anderen. Ein psychisch gesunder Mensch ist in der Lage, sich diese zentralen emotionalen Bedürfnisse auf konstruktive Weise zu erfüllen, ausgenommen er wird durch äußere Umstände daran gehindert. Dann muss es darum gehen, den Betroffenen dabei zu begleiten, sich aus diesen Umständen zu befreien, oder eine innere Einstellung zu gewinnen, mit der er die Umstände leichter hinnehmen kann.
Leider sehen sich hierfür viele Psychotherapeuten als nicht zuständig, da diese krankmachenden Umstände paradoxer Weise nicht im Internationalen Katalog der Krankheiten ICD-10 erfasst sind und somit eine solche Leistung nicht über Krankenkassen abrechnungsfähig ist.

Wenn aber nun in der Entwicklung eines Menschen etwas schief gelaufen ist und er nur unzureichend gelernt hat, sich eines oder mehrere dieser Grundbedürfnisse auf gesunde Art zu erfüllen, dann wird ihn dies kränken. Und möglicher Weise wird die immer wieder erlebte Kränkung so tief, dass sie sich zur Depression verdichtet.
Oder es treten belastende Situationen im Lebensverlauf ein, in denen die Fähigkeit gebraucht wird, sich ein zentrales emotionales Grundbedürfnis erfüllen zu können und plötzlich wird deutlich, dass diese Fähigkeit nicht oder unzureichend entwickelt wurde (siehe Beispiele im nächsten Abschnitt).
Auch hier wird wieder klar, warum ich in der Depression eher eine zusammengeballte extreme Symptomatik sehe, ein Syndrom, das so schwerwiegend ist, dass man es als „psychische Störung” bezeichnet. Um Depression „heilen” zu können, muss nach der Behebung der depressiven Symptomatik unbedingt die eigentliche Ursache bearbeitet werden, um Rückfälle zu vermeiden!

8. Beispiele für einige typische Auslöser, die in die Depression führen können

Die Komplexität und die Anforderungen unseres Lebens fordern es geradezu heraus, dass Situationen eintreten, in denen die zu wenig entwickelten menschlichen Potenziale und Fähigkeiten gefragt sind. Und das führt in eine Überforderungssituation, weil nicht gelernt wurde, mit der Lebenssituation passend umzugehen. Beispiele dafür:

z.B. Überforderung durch Erschütterungen (Schicksalsschläge, Verluste usw.)

Oft sind die Betroffenen mit der Bewältigung von Erschütterungen überfordert. Zu der Wut, der Trauer und dem Schmerz des Schicksalschlags oder eines Verlustes kommt die Anforderung, diese innerlich verarbeiten und bewältigen zu können.

  • Wegen der ursächlich vorhandenen Schwäche (siehe oben) ist die Verarbeitung und Bewältigung nicht möglich und es tritt Überforderung und Überforderungsstress ein.
  • In der Überforderung nehmen sich die Menschen als unfähig, schwach und unzulänglich wahr. Diese Wahrnehmung widerspricht ihrer (Ideal-)Vorstellung von sich selbst. Wegen der empfundenen eigenen Unzulänglichkeit entstehen Schamgefühle und die drücken ebenfalls auf den Selbstwert. Scham kann hier als eine Form des Selbtshasses angesehen werden, denn man schämt sich für den „unzulänglichen” Anteil seiner Persönlichkeit.
  • Es stellt sich eine bedrückte, traurige Stimmung ein, aus der heraus negative Bewertungen der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Person, der Umgebungsbedingungen, der eigenen Möglichkeiten und Zukunftsaussichten erfolgen.
  • Aufgrund des beschädigten Selbstwerts „gönnen” sich die Betroffenen oft nichts Gutes mehr, denn es scheint ihnen, sie hätten es sich nicht verdient. Zudem neigen die Betroffenen oft auch dazu, sich für ihre Unzulänglichkeit, ihre Schwächen bestrafen zu müssen und beginnen, sich selbst zu hassen.
  • Schließlich beschäftigt sich der Betroffene fast nur noch mit einem Denken in solch bedrückenden Kategorien und gerät damit immer schneller in die Abwärtsspirale der Depression.
  • Durch die Fokussierung auf die Bedrückung, das Einschränkende, Angstmachende und Bedrohliche und Negative geht der Sinn für die erfreulichen Dinge des Leben verloren. Und weil Gefühle nur noch als Schmerz und Leid erlebt werden, möchte sie der Depressive übergehen. Er unterdrückt sie.
  • Weiter abwärts in der Depressions-Spirale empfindet der Betroffene seine Situation als unerträglich qualvoll an, will ihr unbedingt entrinnen, grübelt ständig über Möglichkeiten, seine Situation zu verbessern und sieht schließlich für sich nur noch den Tod als einzige Möglichkeit, die Quälerei zu beenden und zu entkommen.
  • Hier wird auch deutlich, dass es grundsätzlich nicht um die Beendigung des eigenen Lebens geht, sondern um das Entkommen-Können aus der qualvollen Situation, um die Qualen zu beenden.

z.B. Überforderung durch die eigene innere Erwartungshaltung, durch Einstellungen, Verhaltensweisen, Lebensziele

Viele Menschen stellen zu hohe Anforderungen an sich selbst, an die eigene Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit und vernachlässigen darüber die Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse, die zu einem gesunden erfüllten Leben dazu gehören. Dabei bringen die Betroffenen oft sehr vernünftig und überzeugend klingenden Gründe für ihre selbst-unterdrückende Verhaltensweise vor:

  • Sie „müssen” unbedingt das Einser-Examen schaffen, damit Ihrem beruflichen Erfolg nichts im Weg steht. Oder Sie unterordnen die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse dem materiellen Wohlstand und versuchen, immer mehr Geld zu verdienen.
  • Sie „müssen” einen kranken Angehörigen intensiv und über einen nicht absehbar langen Zeitraum hinweg pflegen oder für die drei Kinder nebst Haushalt plus Nebenjob da sein.
  • Sie sind in einem Heil- oder Pflegeberuf tätig und opfern sich bei falsch verstandener Hilfsbereitschaft mit extremer Überstundenzahl auf. (= Helfersyndrom -> siehe Buchtipp hier)
  • Sie sind der Haupt-Verdiener der Familie und engagieren sich extrem stark im Beruf, um einen eventuellen Verlust des Arbeitsplatzes „sicherer” vermeiden zu können.
  • Sie sind Unternehmer und wollen „nur noch diese eine harte Durststrecke” durchstehen, um dann so richtig leben zu können — aber leider dauert die Durststrecke an und nimmt kein Ende. Oder sie kämpfen um den Erhalt des traditionsreichen Familienbetriebs, des Familienbesitz bis zum Letzten.
  • Sie sind in einem Alter, wo der Körper nachlässt und sie wollen sich nicht mit den Veränderungen abfinden, die nicht aufgehalten werden können und zum Leben nun mal dazu gehören.

Die eigentliche Überforderung beginnt an dem Punkt, wo die Betroffenen glauben, so handeln zu müssen, wie sie es tun, weil sie doch »keine andere Wahl« hätten. Zuweilen besteht »die andere Wahl« darin, den Anspruch aufzugeben, dass das Leben sich auf genau die Weise gestalten ließe, die man sich in den Kopf gesetzt hat. Alte Indianerweisheit: »Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!«
Oder »die andere Wahl« besteht darin, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, weil sie vielleicht gar nicht in der eigenen Macht liegen. (siehe auch Gelassenheitsspruch, hier)

Es liegt jedoch in unserer krankhaft narzisstisch geprägten Kultur und Gesellschaftsnorm begründet, dass wir gerne alles können möchten, was wir wollen und dass wir alles unter Kontrolle haben möchten und uns mächtig fühlen wollen — am besten so wie Gott persönlich. Das Streben nach immer mehr Leistung, das Überbewerten des Bereichs „Arbeit”, das Vernachlässigen der menschlichen Werte, der Gefühle und der Erfüllung unserer echten Grundbedürfnisse fördern die Überforderung, den BurnOut, die Depression.

z.B. durch Misserfolg bringende (dysfunktionale) Verhaltensweisen und Sucht

Manche Menschen haben z.B. aufgrund einer belastenden Kindheit nicht gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihnen zu folgen. Gefühle sind die Sprache der Seele und mahnen die Erfüllung von Grundbedürfnissen an. Statt für sich selbst und die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu sorgen, haben sie Ersatz-Handlungsweisen entwickelt, um etwas zu bekommen, das sich so ähnlich anfühlt, wie die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Und natürlich konnte so keine echte Befriedigung erlebt werden. Das Leid, nicht das zu bekommen, wonach man sich zutiefst sehnt, blieb und fraß sich als Kummer immer tiefer in die Seele.

Und es gibt Menschen, die haben in ihrer Kindheit aus der Not heraus bestimmte Verhaltensweisen zu ihrem Schutz entwickelt, die sie als Erwachsener aufgrund der veränderten Lebenssituation eigentlich nicht mehr bräuchten. Oft behalten diese Menschen ihre aus Not entwickelten Verhaltensweisen auch im Erwachsenenalter bei, denn sie haben sie so stark verinnerlicht, dass sie sie gar nicht mehr bemerken und sich keine Alternative zu ihrer Verhaltensweise vorstellen können. Sie haben also auch im Erwachsenenalter keine wirkliche Problemlösungen zur Auswahl und die bisher genutzten führen nicht zu einer Lösung, sondern bringen meist noch mehr Schaden.Deshalb bezeichnet man ein solches Verhalten auch als »dysfunktionale Verhaltensweise«.

Weil keine natürliche, gesunde und funktionierende Verhaltensweise erlernt wurde, wird der Mensch die einzige ihm bekannte Verhaltensweise immer öfter oder immer stärker und massiver einsetzen, um sein natürliches Verlangen nach Befriedigung seines Bedürfnisses zu stillen (ähnlich wie bei Sucht-Erkrankungen — Motto: „mehr davon, vielleicht hilft's ja dann endlich!”).

Sucht ist meist ebenfalls als eine nicht funktionierende Bewältigungsstrategie entstanden, z.B. weil belastende Erlebnisse nicht verarbeitet werden konnten. Und sie konnten nicht verarbeitet werden, weil die dazu nötige Erwartungshaltung, innere Einstellung oder Verhaltensweise nicht vorhanden war und nicht erlernt wurde (siehe oben). Sucht ist demnach ebenfalls nur eine Variante einer »dysfunktionalen Verhaltensweise«.
Zugleich ist Sucht ein schambehaftetes Verhalten. Der Betroffene schämt sich für sein Verhalten, denn Sucht geht mit Kontroll- und Autonomieverlust einher und bestätigt die eigene Unzulänglichkeit. Hier schämt sich der Süchtige sich selbst gegenüber. — Zudem ist Sucht gesellschaftlich nicht akzeptiert und führt in die soziale Ächtung und Isolation. Hier schämt sich der Süchtige anderen gegenüber.
Scham ist ein extrem starkes Gefühl, das direkt den Selbstwert beschädigt. Zu alledem verurteilt sich der Betroffene selbst für seine Sucht und neigt zu Selbstbestrafung und Selbsthass.

Aus den vorstehenden Grundmustern heraus entsteht Traurigkeit darüber, dass das Verlangen nach einem reichen Gefühlsleben und der Erfüllung der Bedürfnisse unbefriedigt bleibt. Das wiederum führt meist zu der Ansicht, selbst unzulänglich oder fehlerhaft zu sein, sodass der Selbstwert sinkt. Hier setzt dann die Abwärtsspirale ein, die ich bereits oben unter »Depressions-Ursachen« beschrieben habe.

Typische Denkmuster von Menschen mit dysfunktionalen Verhaltensmustern sind z.B.:

  • Sie glauben, sie müssten durch überdurchschnittliche Leistungen ihren Wert als Mensch anderen Menschen gegenüber beweisen.
  • Sie glauben, dass sie nur dann Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung, Liebe erhalten, wenn sie sich diese zuvor durch überragende Leistungen „verdient” haben.
  • Sie glauben, dass man an sich selbst zuletzt denken müsse und es sich nicht gehöre, erst für sich selbst und die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen.
  • Sie erwarten, dass sie von anderen Menschen meist nur entwertet, kritisiert und betrogen werden und glauben dann, nur mit Perfektionismus der vernichtenden und entwertenden Kritik anderer entgehen können.
  • Sie glauben, sie dürften sich nicht zu tief und nah an einen Partner binden, weil die Angst vor dem Verlustschmerz zu groß ist, falls es zu einer Trennung kommt.

Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse = Unterdrückung = Depression

Die in den vorstehenden Überforderungs-Beispielen genannten persönlichen Schwächen haben gemeinsam, dass sie beim Betroffenen verhindern, dass er sich seine Bedürfnisse auf gesunde Weise erfüllt. Die Nichterfüllung von Bedürfnissen ist gleichbedeutend mit deren Unterdrückung (=Depression). Ziel der Therapie ist,

  • dass der Betroffene begreift, mit welchen inneren Einstellungen und Verhaltensweisen er sich die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse verhindert hat, wie diese Einstellungen und Verhaltensweisen zustande gekommen sind und warum diese zerstörerisch wirken.
    Zugleich muss der Betroffene neue, gesunde Verhaltensweisen erlernen.
  • dass der Betroffene begreift, dass er ein Recht darauf hat, sich seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und er sich bewusst die Erlaubnis zu deren Befriedigung gibt.
  • dass der Betroffene begreift, dass seine Gefühle ihn auf seine Bedürfnisse hinweisen, er also seiner Bedürfnisse nur bewusst werden kann, wenn er sich seiner Gefühle bewusst ist.
  • dass er schließlich sieht, das er sehr wohl eine Wahl hat und dass er sich die »Freiheit der Wahl« durch eine gründliche Therapie selbst erschließen kann und dass er zu diesen Veränderungen sehr wohl die Kraft hat.

9. mögliche Schritte gegen die Depression

Gegen Depression und depressive Stimmung anzuwirken, erfordert je nach Schwere ein komplexes Bündel an therapeutischen Maßnahmen, das individuell abgestimmt sein muss. Hier eine beispielhafte Aufzählung wichtiger Maßnahmen und Schritte.

Eine Beruhigung und Stabilisierung kann z.B. erfolgen:

  • durch Erlernen, die Schwere der aktuellen Beeinträchtigung und die damit verbundenen Einschränkungen zunächst einmal zu akzeptieren und ernst zu nehmen, statt sich wegen der Einschränkungen und Beeinträchtigungen zusätzlich abzuwerten und zu kritisieren. Den aktuellen Zustand annehmen lernen, um eine Entspannung zu ermöglichen.
  • durch ein einfühlsames, freundschaftlich-wohlwollendes Angenommensein von einer therapeutischen Gruppe, vom Therapeuten oder in einer Klinik mit Therapeutischer Gemeinschaft (diese Gemeinschaft besteht als ein großes Team aus Therapeuten, Pflegern und Mitpatienten).
  • durch die Wiederaufnahme von menschlichen Beziehungen, raus aus der Isolation; Üben erster Schritte von neuen Kontaktaufnahmen zu anderen (und wenn es „nur” erst einmal ein kleines Sich-Einander-Zu-Lächeln ist).
  • durch eine hohe Disziplin, was die Struktur des Tagesablauf betrifft, um den Tag-/Nacht-Rhytmus sowie den natürlichen Schlaf wieder zu gewinnen, aber auch, um wieder in die Aktivität hinein zu kommen.
  • durch täglichen Frühsport draußen in der Natur und bei jedem (!) Wetter, möglichst bereits ab ca. 6:30 Uhr (oder früher) für mindestens 45 Minuten, ebenfalls um wieder in die Aktivität hinein zu kommen, aber auch, um den Körper nach der übermäßigen Passivität wieder zu stabilisieren.
  • durch zeitlich fest geregelte und ausgewogene Mahlzeiten, die in der nötigen Ruhe genossen werden.
  • durch Psycho-Edukation, in der zunächst erklärt wird, wie Depression „funktioniert”. Bereits durch dieses Verständnis wird der Leidensdruck gemildert, ein Eidruck von Selbstwirksamkeit entsteht und die Bereitschaft gefördert, sich so anzunehmen, wie man nun mal gerade ist.
  • durch das Erlernen und regelmäßige Anwenden stabilisierender und beruhigender Übungen und Techniken (z.B. Imaginationen, Praxis der Achtsamkeit usw.)

In der Therapie können zum Beispiel folgende Schritte unternommen werden:

  • Beschäftigung mit der eigenen Situation und der depressiven Problematik, indem therapeutische Arbeits-Verträge erarbeitet und abgeschlossen werden.
  • durch Förderung der Einsicht, dass der Patient mit sich selbst schlecht umgegangen ist und dass es natürlich ist, liebevoll und sorgsam mit sich selbst umzugehen. Z.B. statt Selbstbestrafung und Selbstabwertung sich selbst etwas erlauben, sich etwas Gutes gönnen und sich belohnen.
  • durch Förderung der inneren Einstellung, dass es am besten ist, sich selbst zu lieben! Denn erst dann können einen die anderen gerne haben! (= Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!)
  • durch ICH-Stärkung und Korrektur des Selbstwerts, in dem sich der Patient bewusst wird, welche Stärken und Potenziale er hat und dass er sehr wohl die Wahl hat, sich konstruktiv zu verhalten, Verantwortung zu übernehmen und seine Stärken konstruktiv einzusetzen.
  • durch Erlernen der Technik der Realitätsprüfung: Ist wirklich alles so schlimm und ausweglos, sind die anderen wirklich so ablehnend oder sehe ich es nur so?
  • durch Erlernen der kognitiven Therapie, durch die der Patient negative Gedanken und Verhaltensmuster erkennen, stoppen und durch positive, stärkende Gedanken und Muster ersetzen kann.
  • durch das Erlernen, sich abgrenzen zu können und nicht alles, was geschieht, als gegen die eigene Person gerichtet zu verstehen und so wieder differenzieren zu können.
  • durch Vertragsarbeit: Welche inneren Einstellungen, Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen fördern das Negative und Zerstörerische? Was geht dem Zerstörerischen voraus und wie erkenne ich das? Welche Folgen hat mein Verhalten für mich selbst und für die anderen?
  • durch systematisches Ersetzen schädlicher Verhaltensweisen durch solche, die die Bedürfnisse wirklich befriedigen. Auch hierzu kann Vertragsarbeit eingesetzt werden.
  • durch Üben und Erproben der neuen Fähigkeiten im Alltag und durch Erfahrungsaustausch über die neuen Erfahrungen in der Therapie, in der Gruppe mit anderen.

Wenn die Depression behoben ist, benötigt der Patient noch eine längere Phase, in der er das Gelernte in seinen Alltag zu integrieren beginnt. Im Bereich bis hier hin findet Verhaltenstherapie statt.
Erst wenn eine genügende Stabilität und psychische Belastbarkeit erreicht ist, kann es zur ursächlichen Therapie gehen: Es müssen die eigentlichen grundsätzlichen Ursachen bearbeitet werden, die den Betroffenen in die Depression geführt haben. In diesem Bereich wird meist mit tiefenpsychologisch fundierter Therapie gearbeitet.
Zahlreiche bereits bekannte und bewährte Therapiemethoden werden in der Schematherapie genutzt, sodass hiermit gerade bei der nachhaltigen Bearbeitung von Depressionen endlich ein durchgängiges Verfahren zur Verfügung steht.

(mehr gegen depressive Stimmungen im Buchtipp hier oder mit dem Hintergrund „Schematherapie” hier

10. Hilfe in Selbsthifegruppen

Wenn die Betroffenen noch nicht zu tief in der depressiven Abwärtsspirale stecken, kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen hilfreich sein. Positiv ist bereits, dass Betroffene erleben, dass sie nicht allein mit ihrem Problem sind.
Ich finde es außerordentlich wichtig, dass in diesen Gruppen immer auch genügend viele Menschen mitmachen, die ihre Depression überwunden haben und von ihren positiven Erfahrungen, ihren neuen Erwartungshaltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen im Sinne eines Erfahrungsaustauschs berichten (nicht jedoch als „Ratgeber” und Besserwisser!). — Falls solche Menschen in den Gruppen fehlen, sehe ich die Teilnahme an solch einer Gruppe eher kritisch, weil die Gruppenstunde dann leicht zu einer „Jammer-Runde” werden kann, die mehr belastet als hilft.

Extrem wichtig ist, dass in diesen Gruppen klare Gruppenregeln gelten, die auch strikt von allen Teilnehmern eingehalten werden müssen. Die von mir in meinen Angeboten genutzten Gruppenregeln können hier als Vorlage und Maßstab dienen, denn sie sind sowohl im Selbsthilfe-Bereich als auch im professionellen therapeutischen Bereich jahrzehntelang erprobt.
Pünktlichkeit der Teilnehmer zum Gruppenbeginn ist ebenfalls wichtig, sowie eine Zusage der Teilnehmer, möglichst an jeder Gruppe teilzunehmen und schließlich eine geringe Fluktuation der Teilnehmer, damit sich ein vertrauter Rahmen, eine schützende Atmosphäre bildet. Beides lässt sich aber im Rahmen üblicher Selbsthilfe-Gruppen kaum einfordern oder durchsetzen.

11. Hilfe in ambulanter Therapie

Leider besteht im psychotherapeutischen Gesundheitswesen in Deutschland (nicht nur) meiner Erfahrung nach erhebliches Verbesserungs-Potenzial. Es gibt zu wenige Psychotherapeuten und viel zu wenige, die eine kassenärztliche Zulassung haben. Die Wartezeiten liegen in Ballungszentren bei 1/2 Jahr, im ländlichen Raum bis zu 1 Jahr!

Ein von Depression Betroffener kann sich von seinem Hausarzt direkt eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten ausstellen lassen, sofern der Hausarzt nicht Hinweise dafür gefunden hat, dass die Depression Folge einer körperlichen Erkrankung oder Störung ist.
Um diese abzuklären, kann der behandelnde Arzt eine Überweisung zu einem Psychiater und / oder Neurologen ausstellen. Das ist eine ziemliche Hemmschwelle für Patienten, weil »Psychiater« für viele Menschen mit „Verrückt-Sein, Psychiatrie, Zwangseinweisung und Freiheitsverlust” in Verbindung gebracht wird. Der Psychiater hat aber im Zusammenhang mit Depression eigentlich nur die Aufgabe, zu prüfen, ob ein organisches / hirnorganisches Gesundheitsproblem (Nervensystem) besteht oder ein rein psychisches Problem vorliegt.
Bei rein psychischen Problemen sollte sowohl der Hausarzt als auch der Psychiater eigentlich sofort an einen Psychotherapeuten überweisen, sofern sie nicht selbst eine qualifizierte Psychotherapie anbieten können. Im Folgenden wird allerdings das Versagen unseres Gesundheitssystems sichtbar:
Erkennt der Hausarzt oder Psychiater, dass der Patient eine Depression hat und berücksichtigt zugleich, dass die Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz bis über ein Jahr dauern kann, dann ist er in Sorge, dass sich während der Wartezeit der Zustand des Patienten so stark verschlimmert, dass dieser eventuell an Selbsttötung denkt und diese auch unternimmt. In diesem Fall steht der Hausarzt oder Psychiater in der Haftung!
Aus Angst vor dieser Haftung sind Hausärzte und Psychiater immer geneigt, Antidepressiva zu verordnen, um den Patienten so lange „ruhig” zu halten, bis die ambulante Psychotherapie beginnen kann. Die Verordnung von Psychopharmaka in dieser Situation ist also eigentlich auf einen schwerwiegenden Mangel unseres Gesundheitssystems zurück zu führen, der zu Lasten der Betroffenen geht!
Leider kommt dann oft noch ein Problem hinzu: Der Patient wird durch die Antidepressiva, wenn sie denn überhaupt wirklich wirken, in einen noch gefühlsärmeren Zustand versetzt, glaubt aber andererseits oft, weil er nicht mehr so viel innere Qual spürt, wieder fit für die Arbeit zu sein, zumal bei längerer Krankheit der Verlust des Arbeitsplatz droht. Die dringend nötige Psychotherapie wird womöglich so immer weiter heraus geschoben. Dadurch verfestigt sich aber der depressive Wirkungsmechanismus und wird immer schwerer therapierbar.
Zuweilen verschlimmert sich die Depression gerade durch die Einnahme von Antidepressiva, weil diese zahlreiche Nebenwirkungen haben. Denn diese führen oft dazu, dass der Betroffene sich zusätzlich als unzulänglich und minderwertig empfindet (z.B. Gewichtszunahme oder Verlust der Libido / Potenz).

Hat der Betroffene endlich einen Therapeuten gefunden, so bietet er bis zu fünf „Versuchs-Stunden” (approbatorische Stunden) an, die noch nicht als Therapiebeginn zählen. Hier geht es darum herauszufinden, ob man sich menschlich und im therapeutischen Vorgehen miteinander versteht. Wenn nicht, kann der Patient einen anderen Therapeuten suchen und ist dem ersten Therapeuten nichts schuldig.

Therapieverfahren

Es gibt in Deutschland leider nur drei von den Gesetzlichen Krankenkassen anerkannte psychotherapeutische Verfahren (andere Verfahren werden nicht bezahlt): die psychoanalytischen, die tiefenpsychologisch fundierten und die verhaltenspsychologischen Verfahren. Ein Patient ist in der Regel völlig damit überfordert, zu entscheiden, welches Verfahren für ihn in seiner aktuellen Situation am besten geeignet ist.
Bei Stressproblemen, Angst, BurnOut und Depressionen ist Verhaltenstherapie zunächst die richtige Wahl. Damit wird die nötige Stabilisierung und die Auflösung der depressiven Stimmung bewirkt. Allerdings ist dies nur der erste Teil einer Psychotherapie! Um die tiefer liegenden Ursachen erkennen, bearbeiten und auflösen zu können, sind meist tiefenpsychologische Methoden erforderlich.
Seit etwa 2003 verbreitet sich auch in Deutschland eine neue Therapiemethode: Sie heißt Schema-Therapie und umfasst sowohl verhaltenstherapeutische als auch tiefenpsychologische Ansätze. Es ist eine besondere Art der Zusammenfassung der besten Elemente aus allen bisher bekannten und erprobten Therapiemethoden mitsamt einer Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie. — Leider gibt es noch nicht so viele Therapeuten, die mit Schematherapie arbeiten. Es lohnt sich aber danach zu fragen, weil Sie mit Ihrer Anfrage dazu anregen, dass immer mehr Therapeuten mit Schematherapie arbeiten.

Listen mit Psychotherapeuten für gesetzlich Krankenversicherte erhält man auf Nachfrage z.B. bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Leider wird Schematherapie hier nicht gesondert aufgeführt, sondern sie fällt mit unter den Begriff „Verhaltenstherapie”. Schematherapie kann immer erst nach Abklingen der Depression angewendet werden, weil sonst die Belastung für den Klienten zu groß wäre.

12. stationäre Therapie

Oft schrecken Patienten vor der stationären Therapie in einer psychosomatischen Klinik zurück. Manche verwechseln eine solche Klinik mit der Psychiatrie und glauben, sie verlieren ihre Selbstbestimmung oder Freiheit oder würden „zwangsbehandelt”. Tatsächlich bleiben sie jedoch in psychosomatischen Kliniken immer Herr über sich selbst, bestimmen über Ihre Behandlung selbst und können jederzeit den Aufenthalt abbrechen.
Auch befürchten Patienten oft das Herausreißen aus dem Alltag, weil ihnen dann die Kontrolle über die Dinge zu Hause fehlt oder weil sie den Arbeitsplatzverlust befürchten. Dabei übersehen sie, dass die Klinik eine für den Heilungserfolg absolut notwendige, wohltuende Schutzhülle bietet, einen abgeschirmten Raum, in dem man endlich zur Ruhe und zu sich selbst finden kann.
Zudem ist der Schaden, den Patienten sich selbst und anderen Menschen zufügen, indem sie eine therapeutische Behandlung immer weiter herauszögern, viel größer, als derjenige, der durch eine „Fehlzeit” durch Aufenthalt in einer Klinik befürchtet wird.

Da stationäre Therapien relativ teuer sind, achten die Träger (Krankenversicherung, Rentenversicherung) leider äußerst intensiv darauf, so wenig wie möglich zu bewilligen und die Aufenthaltszeit in einer Klinik möglichst kurz zu halten. Zusätzlich wurde ein neues Entgeld-Pauschalierungs-Gesetz für psychosomatische und psychiatrische Kliniken in Kraft gesetzt. Hierdurch machen die Kliniken Verluste, wenn die Therapiezeit bestimmte, viel zu knapp gehaltene Richtwerte überschreitet. Eine seriöse, effiziente Therapie braucht aber ihre Zeit und jeder Patient braucht individuell passend zu seiner Problematik seine Bearbeitungszeit. Daher ist es wichtig, dass Sie sich als Patient bereits vor Bewilligung Ihres Antrags für einen Klinkaufenthalt im Internet informieren.

Die stationäre Therapie muss über den Hausarzt beantragt werden. Zugleich muss der behandelnde Psychotherapeut und der Hausarzt (oder ein Psychiater) jeweils eine Begutachtung schreiben, warum die Behandlung stationär zwingend erforderlich ist und nicht ambulant durchgeführt werden kann. Die Vordrucke zur Antragstellung dazu kann der Patient bei seiner Krankenkasse anfordern.
Wichtig ist, dass der Patient zusammen mit seinem Psychotherapeuten äußerst sorgfältig prüft, in welcher (psychosomatischen) Klinik die besten Aussichten auf Behandlungserfolg bestehen. Die Antragsformulare für eine stationäre Therapie reicht der Patient dann wieder bei der Kasse ein und die Bewilligung sollte eigentlich schnell erfolgen.
Liegt die Bewilligung der Kasse vor, heißt das leider noch nicht, dass man jetzt in die Klinik kann. Denn praktisch jede Klinik hat eine Warteliste, die bis zu einem Jahr Wartezeit bedeutet. Die Therapie für Depressionen selbst dauert meist 4 bis 6 Wochen.

Nach der Entlassung sieht das Leben meist schon wieder richtig erfreulich aus. Die Erleichterung kann so groß sein, dass ein überschwenglich euphorischer Zustand eintritt, in dem man sich und seine Belastbarkeit überschätzt: All zu gerne möchte der Betroffene seiner Umgebung signalisieren oder sogar „beweisen”, wie fit er jetzt wieder ist und wie leistungsfähig(!!!). Wer da nicht auf sich selbst gut aufpasst und die neu gewonnenen Erkenntnisse strikt anwendet und im Alltag umsetzt, kann wieder in Überlastung und Depression verfallen. Denn er überfordert sich mit dieser euphorischen Haltung und bereitet so seine nächsten Misserfolge selbst vor!

Es geht also darum, möglichst mit Hilfe eines ambulanten Therapeuten (oder einer Selbsthilfegruppe oder in einem der Angebote hier bei Lebenslust jetzt!) die neu gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden und auch im rauen Alltag umzusetzen, ohne sich selbst aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit „Ausnahmen” zu gestatten.
Erst wenn der Patient auch hier eine zuverlässige Stabilität erreicht hat, kann das grundlegende Problem, das zur Depression führte, bearbeitet werden. Der Psychotherapeut muss entscheiden, ob diese Bearbeitung in ambulanter Therapie erfolgen kann und welches therapeutische Verfahren sinnvoll ist.
Falls das zugrunde liegende Problem derart gravierend ist, dass es ambulant schlecht bearbeitet werden kann, muss eine „medizinische Reha-Maßnahme” bei der Rentenversicherung beantragt werden. Der Patient fordert dazu die nötigen Formulare bei der Rentenversicherung Bund an. Dann muss der Psychotherapeut wieder ein Gutachten schreiben, aus dem hervorgeht, dass eine tiefer gehende Therapie erforderlich und der Heilerfolg ambulant nicht erreichbar ist.

Die Bearbeitungszeiten für den Antrag haben sich glücklicher Weise in den letzten 10 Jahren erheblich verkürzt. Dafür wird allerdings der Antrag oft mit dubiosen Begründungen abgelehnt. Dann muss man ins Widerspruchsverfahren gehen. Zuweilen verlangt die Rentenversicherung eine zusätzliche Begutachtung. 
Wichtig ist auch, dass man (wenn die Rentenversicherung die Maßnahme trägt) die freie Wahl der Klinik hat. Denn ich habe oft gesehen, dass die Rentenversicherung aus unerfindlichen Gründen eine Klinik zuweist, in die man nicht will oder die sogar völlig unpassend für die anstehende Problematik ist.
Die Dauer der Behandlung in der Reha-Maßnahme ist abhängig von der Problematik und dauert entweder nur 4 Wochen, kann aber auch 12 Wochen und mehr betragen. Durch zusätzliche Gutachten der Klinik kann die ursprünglich bewilligte Zeit verlängert werden.

13. Die Zustände im Gesundheitssystem — eine Gelassenheits-Übung…

Unser Gesundheitssystem mutet einem von Depression Betroffenen zu, ein hohes Maß an Eigeninitiative und Durchsetzungskraft aufzubringen, einen erheblichen Papierkrieg zu bewältigen und lange Wartezeiten hindurch auszuhalten — alles Dinge, die gerade ein von Depression Betroffener aufgrund seiner Einschränkungen eben meist nicht erledigen kann. Hier sollte unbedingt der begleitende Therapeut oder Arzt Hilfestellung geben!

Das, was im Umgang mit diesen Zuständen hilft, ist die Kunst der Gelassenheit. Diese ist im Gelassenheitsspruch hier wunderbar auf den Punkt gebracht. Zudem gilt es, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden, weil dies die Boten sind, die auf die Bedürfnisse aufmerksam machen, die erfüllt werden wollen. Vielleicht hilft Ihnen dieser Leitsatz als Anregung?

»Ich gehe achtsam und liebevoll mit mir um: Ich sorge für mich selbst und für die Erfüllung meiner Bedürfnisse.«

Ihnen wünsche Ich eine gute Zeit. Lassen Sie es sich gut gehen!