Jeder Mensch kennt das Gefühl der Scham, des sich schämen oder von andern beschämt zu werden von klein auf. Oft errötet man dabei, sodass andere das Sich-Schämen sehen können. Weil diese Gefühle so unangenehm sind, möchte man sie am liebsten „einfach weg haben”. Das schafft man aber nicht, indem man sich z.B. ablenkt oder sich in Gedanken auf angenehmere Dinge konzentriert oder gar den entstandenen Ärger über die Scham an anderen auslässt. — In diesem Beitrag gebe ich Ihnen Anregungen, wie Sie mit Schamgefühlen besser umgehen und dadurch Ihre Angst vor der Scham und vor dem Erröten drastisch verringern können.

Bitte klicken Sie auf die Überschriften, um den zugehörigen Textabschnitt zu lesen!

Vermeidung und nicht hinsehen / nicht hinfühlen ist keine Lösung

Weil Schamgefühle so extrem unangenehm sind, fürchten und vermeiden wir sie so gut es geht. Deshalb beschäftigen wir uns möglichst nicht mit diesem Thema. Daraus entsteht Unwissenheit und noch mehr Unsicherheit. So haben viele Menschen keine klare Vorstellung davon, dass es verschiedene Arten von Scham gibt. Angst vor etwas wird aber um so größer, je mehr man das, was Angst verursacht, im Unbekannten lässt.
Also nehmen wir doch besser all unseren Mut zusammen und schauen in diesem Beitrag genau dort hin: was denn Scham konkret ist, ob sie immer schädlich und schlimm ist oder ob sie vielleicht sogar zu etwas nützlich sein kann!

Scham – Gesehen werden, wie man nicht gesehen werden möchte

Scham hat immer damit zu tun, dass wir mit einer persönlichen Eigenschaft, mit einer Besonderheit, einem Verhalten oder einer bestimmten Einstellung / Denkweise sichtbar geworden sind. Sichtbar zu sein, heißt hier, dass jemand mit seinen Persönlichkeitsanteilen, Vorlieben, Werten, Gefühlen zu sehen ist. Deshalb ist auch der Begriff „bloßstellen” gebräuchlich, was nichts anderes heißt, als nackt und völlig sichtbar zu sein.
Ist Ihnen schon aufgefallen: Je mehr Angst vor Beschämung und je mehr Unsicherheit in einer Gesellschaft vorhanden ist, desto heftiger die Rigidität im Umgang mit der Sichtbarkeit des eigenen Körpers, der Umgang mit Nacktheit, der Umgang mit Gefühlen. Vergleichen Sie mal den gesellschaftlich üblichen Umgang mit Nacktheit Mitte der 70er Jahre mit den Zuständen heute! Damals gab es das Aufklärungsbuch „Zeig Mal!”, das überwiegend mit sensationell hochwertigen Schwarzweiß-Fotos des Fotografen Will McBride gestaltet war. Es wurde sogar von der katholischen Fachstelle für Erziehung gelobt! — Heute würde man dieses Buch als Kinderpornografie verbieten. Der Zusammenhang zwischen den drei Bereichen Sichtbarkeit und Nacktheit, Scham und Beschämung sowie den gesellschaftlich üblichen Normen und Werten wird hier überdeutlich.

Kinder neigen dazu, sich vor Scham zu verstecken, um nicht mit dem (vermeintlichen) Makel von anderen gesehen zu werden. Je nach Alter verstecken sich Kinder dadurch, dass sie einfach die Augen mit den Händen verbergen. Mit zunehmendem Alter machen sich Menschen unsichtbar, indem sie z.B. jeden Blickkontakt meiden. Je größer die allgemeine Angst vor Beschämung wird, desto mehr neigen die Menschen dazu, sich aus ihrem Schutzbedürfnis heraus in soziale Isolation und Depression zurück zu ziehen oder sogar ganz aus dem Leben zu gehen.

Sichtbar zu sein kann bedeuten, dass ich mich selbst so sehe, wie ich bin. Und es kann sein, dass ich so, wie ich gerade bin, so sehr abweiche von meinen eigene Vorstellungen, wie ich gern sein möchte, dass ich mich dafür mir selbst gegenüber schäme.

Sichtbar zu sein bedeutet meist, dass andere mich sehen können, wie ich bin. Und es kann sein, dass ich Zweifel bekomme, ob andere überwiegend meine „guten Seiten” sehen oder ob andere viel eher darauf achten, „was alles nicht gut ist” an mir und sich womöglich darüber lustig machen. Das würde mich beschämen.

Wer Angst davor hat, er könne beschämt werden, neigt dazu, sich unsichtbar und somit wenig angreifbar zu machen. Die Schlussfolgerung daraus heißt: Ich darf nicht sichtbar sein, damit ich nicht beschämt werde. Daher kommt der Ausspruch: „Vor Scham in den Boden versinken wollen…”, nämlich um sich damit unsichtbar machen zu können.Oder im Extrem formuliert: Ich darf nicht da sein! — und solch eine Denkweise ist mit Sicherheit äußerst ungesund!

Beschämung, weil man Werte und Normen anderer nicht erfüllt

…oder hier eine weitere zerstörerische Denkweise…
Wer große Angst vor Beschämung hat, wird sich in überaus strenger Weise nach den vermuteten Vorstellungen, Werten, Normen und Idealen anderer richten. Denn wenn man davon abweicht, erfolgt die Beschämung. Dummer Weise kann man nicht immer wissen, welches die Werte, Normen und Ideale anderer gerade sind. Und um sicher zu gehen, möglichst jede Beschämung zu vermeiden, bleibt nur „der kleinste gemeinsame Nenner” als persönlicher Freiraum übrig. Und das ist meist verdammt wenig!

Wollen Sie sich in Ihrem Leben mit einem persönlichen Freiraum zufrieden geben, der lediglich aus dem „kleinsten gemeinsamen Nenner” besteht? Ein Leben, das sich überwiegend nach dem richtet, was andere für „richtig” und „gut” halten?

Verschiedene Arten der Scham: Die förderliche „gesunde” Scham

Alle unsere Gefühle haben wir seit unserer Geburt. Sie sind Möglichkeiten des Empfindens und bieten uns eine Erlebnisvielfalt und einen Erlebnisreichtum, der wahrscheinlich nur uns Menschen möglich ist. Scham ist jedoch ein Gefühl, das sich erst dann in uns entwickelt und zeigt, wenn wir Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen machen.

Beispiel 1: Wenn ein kleines Kind noch keine Vorstellung von sich selbst als Person entwickelt hat und auch kaum Vorstellung davon, dass es selbst die Macht hat, seine eigene Persönlichkeit zu gestalten, dann kann es nicht wissen, dass es für sich selbst, sein Verhalten und die daraus entstehenden Folgen (Konsequenzen) verantwortlich ist.
Gerade in den ersten Lebensjahren lernt ein Kind sehr Viel durch Abgucken (=Lernen am Modell). Es sieht, wie andere Menschen umhergehen und will das auch können. Es wird alle seine Energie in das Erreichen dieses Ziels setzen. Und es wird ziemlich oft auf den Po zurück plumpsen, ehe es gelingt, die ersten Schritte zu tun. — Je nach Temperament des Kindes kann es nach etlichen erfolglosen Versuchen richtig wütend werden über seine Misserfolge. Denn es möchte so fähig sein und gehen können, wie andere auch. Es mag sich über seine Unzulänglichkeit ärgern. Aber Schamgefühle treten in diesem Alter noch nicht auf, weil die Entwicklung des ICH als eigenständige Persönlichkeit und ihrer Eingebundenheit in Beziehungen dem Kind noch nicht hinreichend bewusst sein kann, um derart komplexe Gefühle wie das Schamgefühl zu entwickeln. Wird das Kind nicht angemessen ermutigt und angeleitet oder sogar entmutigt, kann in ihm eine diffuse Grund-Stimmung von Minderwert und Unzulänglichkeit entstehen, aus der sich später eine Scham-Problematik entwickeln kann.

Beispiel 2: Ein Kind von z.B. 5 Jahren lügt jemanden an, um die Konsequenzen aus seinem vorangegangenem Verhalten nicht auf sich nehmen zu müssen. Zugleich fühlt es sich dabei sehr schlecht, weil es die Verletzung des anderen durch die Lüge spürt, weil es bemerkt, dass Lügen die Beziehung zwischen ihm und dem anderen trübt, und weil es Angst vor der Aufdeckung hat. Denn wenn die Lüge aufgedeckt wird, wie steht es denn da? Als jemand, der seinem eigenen Idealbild nicht etsprochen hat! (vorausgesetzt, es ist kein beschämender Einfluss anderer Menschen wirksam!)

„Sich schämen” ist in diesen Beispielen förderlich aber zugleich unangenehm

Wer also aus sich selbst heraus sich über sein Verhalten oder seine Fähigkeiten usw. schämt, der erfährt dieses Gefühl nur deshalb, weil er nicht dem entspricht, was er eigentlich für sich selbst anstrebt oder als erstrebenswertes Ideal ansieht.
Scham hat hier eine Ähnlichkeit mit dem, was manche Menschen auch als „Gewissen” bezeichnen. Es ist eine Instanz in uns, die uns aufmerksam macht auf die Differenz zwischen unserem Ist-Zustand und dem von uns eigentlich angestrebten Ideal-Zustand. Diese Instanz erzeugt eine Antriebskraft, die uns zu einer Annäherung zum angestrebten Idealzustand veranlasst. Sie ist zwar meist unangenehm aber durchaus förderlich! Diese Scham hat uns Menschen die eigene Entwicklung ermöglicht und fördert sie.

Wie Sie das „Sich-schämen” angenehmer und für Sie selbst förderlicher machen können…

Das Maß, wie unangenehm sich das „Sich schämen” anfühlt, können wir selbst bestimmen! Dazu müssen wir nur wissen, wie das geht:
Wie oben gezeigt, entsteht in uns das „Sich schämen”, wenn wir erkennen, dass wir nicht unseren Idealbildern entsprechen und womöglich von anderen so gesehen werden, wie wir nicht gesehen werden wollen. Also setzen wir bei diesem in uns stattfindenden Widerspruch an, indem wir die Erkenntnis und Einsicht zulassen, dass wir nun einmal als Menschen geboren sind und Menschen grundsätzlich Fehler und Schwächen haben. Denn wären wir fehlerlos, grenzenlos mächtig und fähig und somit perfekt, dann wären wir gewiss als Götter zur Welt gekommen — denn man sagt ja, dass Gott fehlerlos und perfekt ist, also ein Idealwesen sei.

Diese Erkenntnis und Einsicht ist schon „die halbe Miete” beim konstruktiven Umgang mit dem „Sich schämen”. Wir brauchen uns nicht mehr „ganz so arg zu schämen”, wenn wir uns zugleich bewusst machen, dass es zum Mensch-Sein dazu gehört, eben nicht ideal, perfekt und fehlerlos zu sein!

Im zweiten Schritt werden wir uns der ausgelösten Gefühle bewusst. Dies ist erforderlich, weil wir dazu neigen, alle unangenehmen Gefühle möglichst nicht haben zu wollen; wir verdrängen sie. Fst immer werden Sie heraus finden, dass Sie wütend sind über die erlebte Beschämung. Hinter der Wut steckt meist auch eine Traurigkeit, dass Sie die schambesetzte Situation oder Ihr Verhalten nicht haben „besser” steuern können. Und wenn Sie noch tiefer hinein spüren, entdecken Sie vielleicht Gefühle von Ärger und Frustration darüber, dass Sie in der erlebten Beschämungssituation nicht dazu in der Lage waren, eine für Sie bessere Lösung zu finden. Vielleicht gibt es noch weitere Gefühle in Ihnen? Erst wenn Sie diese wirklich alle erfasst haben und diesen Gefühlen einen Raum gegeben haben, ihnen erlaubt haben, da zu sein, können Sie weiter gehen:

Auf dieses Verständnis und diese Einfühlung kann der dritte Schritt folgen: Das Verzeihen! — Verzeihen Sie sich Ihren nicht idealen, nicht perfekten und nicht fehlerlosen Zustand! Seien Sie milde mit sich selbst, statt sich selbst zu verurteilen und abzuwerten!
Sie sind verblüfft? Ja, man kann sich selbst verzeihen und man kann sich selbst gegenüber milde und liebevoll sein. Es ist die Grundlage für psychische Gesundheit! Jeder, der das nicht kann, gefährdet ganz konkret seine psychische Gesundheit!

Wenn nun Ihre Logik, Ihr Verstand sagt: „jaja, aber ich fühle keine Entlastung wenn ich mir verzeihe”, dann liegt dies daran, dass Ihre Gefühlsebene den Schritt des Verzeihens noch nicht mitmacht. Vielleicht hilft Ihnen dann folgende Vorstellung, dieses „Innere Bild”:
Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, der Teil von Ihnen, der sich gerade so sehr schämt, sind Sie selbst als Kind. (Vielleicht erinnern Sie sich auch an ein Foto von sich, als Sie Kind waren.) Und der Teil von Ihnen, der gerade über die Situation nachdenkt, das sind Sie als Erwachsener. Bitte seien Sie nun Ihrem Kind gegenüber ein fürsorglicher, annehmender und tröstender Elternteil. Stellen Sie sich vor, was Sie dem Kind sagen! Stellen Sie sich vor, wie Sie das sich schämende Kind vielleicht in den Arm nehmen, ihm über den Kopf streicheln und ihm sagen, dass das doch alles nicht wirklich schlimm sei und solche Dinge zum Leben als Mensch dazu gehören. Sagen Sie ihm, dass es immer liebenswert ist und so angenommen wird wie es nunmal ist, egal welche Fehler, Schwächen, Ungeschicklichkeiten vorhanden sind und egal was geschieht!

Alle weiteren hier beschriebenen Formen von Scham und Beschämung sind zerstörerisch und greifen die Würde des Menschen an, schädigen das Selbstwert-Gefühl, die Lebenskraft und verhindern Genuss, Freude und Lust.

Verschiedene Arten von Scham: Über das „Beschämt-Werden”

Schon in der Wortbedeutung wird es sichtbar: Hier kommt die Ursache, der Auslöser der Scham, von außen. Jemand anderes macht uns darauf aufmerksam,

  • dass wir unseren eigenen Idealen, Werten und Normen nicht entsprechen
    oder
  • dass wir den in der Gesellschaft als „üblich” und „normal” angesehenen Idealen und Werten nicht entsprechen (zu denen gerade in unserer Leistungsgesellschaft auch der Perfektionismus gehört, der sich in zerstörerischer Weise auf unsere Unzulänglichkeit richtet)

Diese beiden Varianten müssen wir sorgfältig voneinander trennen. Und zusätzlich müssen wir dabei darauf achten, mit welcher Absicht uns ein anderer auf die Abweichung von den Idealen, Werten und Normen aufmerksam macht. Beginnen wir gleich mit diesem Punkt:
Der andere kann uns auf die Situation aufmerksam machen, weil er es gut mit uns meint und glaubt, dass wir selbst nicht bemerkt haben, dass wir mit unserem Verhalten und Handeln von Idealen, Werten und Normen abweichen. In diesem Fall handelt der andere uns gegenüber oftmals bevormundend und unsere Autonomie verletzend, denn er setzt voraus, dass wir zu unbewusst oder unwissend sind, um uns „richtig” zu verhalten.
Es sind aber auch Ausnahmen davon denkbar, wie z.B. wenn wir uns in einem fremden Kulturkreis aufhalten und verstoßen dort versehentlich gegen die dort geltenen Werte und Normen.

Der andere kann uns auch auf eine Art und Weise auf die Situation aufmerksam machen, durch die möglichst viele weitere Personen aufmerksam werden, die mutmaßlich die gleiche Meinung betreffend Idealen, Werten und Normen haben. Vor all diesen Personen stehen wir dann beschämt da. Vielleicht wollte derjenige, der die beschämende Situation für uns herbeigeführt hat, uns eins auswischen, oder sich an uns rächen. Vielleicht wollte er seine eigene Überlegenheit darstellen, indem er uns vor anderen herunterputzt und lächerlich macht.
Es kann in solchen Situationen hilfreich sein, den anderen zu fragen, mit welcher Absicht er uns beschämt und bloß stellt. Noch hilfreicher kann es sein, wenn es uns gelingt, die ganze Situation ins Lächerliche zu ziehen und mit Humor aufzulösen:
Beispiel 1: In einer öffentlichen Sauna meint jemand, dass man sich außerhalb der Saunakabinen zumindest mit einem Handtuch bedecken sollte, denn sonst sähe es so aus, als wolle man etwas herzeigen.
mögliche Reaktion: „Es wird wohl eher der Neid derjenigen sein, die mit meiner Schönheit nicht konkurrieren können!”

Beispiel 2: Beim Pilates-Training in einer gemischten Gruppe mit hohem Frauenanteil entfährt einem männlichen Teilnehmer ein lautes „gasdruckbedingtes” Geräusch. Puuuups! — Oh, diese abwertenden, vernichtenden Blicke!!!
mögliche Reaktion: „Ist ja noch mal gut gegangen, denn sonst ist immer „Land” dabei!” oder: „Haben Sie ein Glück! Letztes Mal ist der Teilnehmer hinter mir ohnmächtig umgefallen!”

Der andere kann uns aber auch deshalb auf die Situation aufmerksam machen, weil er von uns eine Anpassung an seine eigenen Vorstellungen oder die in der Gesellschaft üblichen Idealen, Werten und Normen verlangt. In diesem Fall geht der andere bewusst davon aus, dass er mit seiner Äußerung in uns Schamgefühle wecken wird, und er missbraucht dann deren Kraft dazu, uns zu einem von ihm gewünschten Verhalten und Handeln zu manipulieren. Es geht dann also um pure Machtausübung, um Gewalt! — Dies wird auch in der Tatsache deutlich, dass derjenige selbstverständlich davon ausgeht, dass die von ihm vertretenen Ideale, Werte und Normen überwertig sind gegenüber den unseren.

Der normative gesellschaftliche Druck in Gruppen

Besonders massiv und zerstörerisch wird die Machtausübung in Form eines normativen gesellschaftlichen Druck in Gruppen sichtbar. Diese Machtausübung ist typisch für faschistische und diktatorische Systeme!

Beispiel 1: Wer zu einer der sogenannten Peergroups von Jugendlichen gehören will, der muss sich bestimmten dort geltenden Regeln, Idealen und Werten beugen, z.B. indem bestimmte Kleidung getragen wird oder ein bestimmtes Verhalten gegenüber Frauen oder alten Menschen gefordert wird.

Je instabiler und gefährdeter sich die Menschen in einer Gruppen wahrnehmen, desto eher neigen sie dazu, sich auf Kosten anderer Menschen außerhalb der Gruppe zu stabilisieren. Dies geschieht oft, indem sie sich Menschen außerhalb der Gruppe aussuchen, die von irgendeiner tatsächlichen oder selbst erdachten Norm abweichen, um sich dann über diese lustig zu machen, diese auszulachen und so zu beschämen.
Sich über jemanden lustig machen, jemanden lächerlich vor anderen machen oder ihn auslachen, wirkt deshalb so extrem schmerzhaft, weil Lachen zu den elementaren Ausdrucksformen eines Menschen gehört, die angeboren sind. Das Baby lächelt die Mutter an, um seine ersten Beziehungserfahrungen zu machen. Es vertraut darauf im Sinne eines Urvertrauens, dass sie warmherzig zurück lachen wird, denn es signalisiert Sicherheit, Geborgenheit, Schutz. Und dieses in uns Menschen tief verankerte Urvertrauen wird tief erschüttert, wenn das Lachen dazu missbraucht wird, sich über jemanden zu belustigen oder auszulachen. Es ist eine der schärfsten und verletzendsten Formen zwischenmenschlicher Zurückweisung.
Diese tiefe Verletzung wird in der Wirkung vervielfacht, je mehr Personen als Zuschauer vorhanden sind, vor denen jemand bloß gestellt, lächerlich gemacht und beschämt wird.

Beispiel 2: In unterdrückerischen Arbeitsverhältnissen gehört es zur Methode des „Bossing”, dass der Chef diejenigen Mitarbeiter, die eine zeitlang krank gewesen waren, gegen die anderen Mitarbeiter ausspielt und behauptet, dass „Krankfeiern” nur was für Kollegenschweine sei, denn die Kollegen müssten schließlich die Arbeit des ausgefallenen Mitarbeiters mit erledigen und sich so überlasten.
Das Ideal und die Norm, die hier verfolgt werden heißt: „niemals krank sein und immer mit absolut fehlerloser Leistung mitarbeiten”. Wer dieser Norm nicht entspricht, wird durch eine raffinierte Beweisführungskette manipuliert und beschämt:
Denn die Tatsache, dass andere Mitarbeiter für den ausgefallene Kollegen mitarbeiten müssen, ist eben nicht ursächlich auf den Mitarbeiter zurück zu führen, sondern auf eine zu knappe Personalreserve, denn Personal vorzuhalten ist wegen der asozialen Steuer- und Abgabenpolitik in unserem Land eine sehr teure Sache. Dieser wahre Zusammenhang wird abnsichtlich und manipulativ verkürzt zu einer Pseudo-Beweisführung zu Lasten des erkrankten Mitarbeiters. Zudem sind solche Arbeitsbedingungen der Nährboden für Erkrankungen aller Art, besonders psychischer Probleme.

Das Perfide in dieser Bossing-Situation ist nun, dass der Mitarbeiter, der aufgrund seiner Erkrankung Opfer des Systems geworden ist, nun auch noch als Täter bloßgestellt und beschämt wird, mit der Absicht, eine noch stärkere Disziplinierung aller Mitarbeiter zu bewirken. Denn kein andere Mitarbeiter möchte in solch eine beschämende Situation geraten.
Eine Steigerung erfährt das ganze dadurch, dass nun manche Mitarbeiter glauben, ihren ganzen Ärger und Frust aus diesem katatstrophalen Arbeitsklima ebenfalls an diesem Mitarbeiter auslassen zu können, um sich selbst innerliche Entlastung zu schaffen. Zudem signalisieren sie mit diesem Verhalten eine Solidarität mit dem Chef, wodurch sie sich Vorteile erhoffen.

Beispiel 3: In unterdrückerischen Gesellschaftssystemen werden systematisch Menschengruppen gegeneinander ausgespielt, um alle zusammen trotz der zerstörerischen Verhältnisse besser beherrschen zu können. Dies gilt auch für Deutschland, das unter seiner neoliberalen, austeritäts-orinetierten Regierung leidet:

  • So werden in Deutschland seit den späten 80er Jahren systematisch die „leistungsfähigen, arbeitenden Jungen” gegen die „reichen schmarotzenden Rentner” ausgespielt.
  • Unter dem Deckmäntelchen der Chancengleichheit werden „die armen benachteiligten Frauen” gegen die „macht- und sex-besessenen, jederzeit gewalttätigen Männer” aufgehetzt.
  • Und alle, die zurzeit (noch) Arbeit haben, werden gegen alle Menschen ohne Arbeit (=asoziale, faule, schmarotzende Sozialbetrüger) aufgehetzt.
  • Und wenn „der Feind im Inneren” nicht zur Systemstabilisierung ausreicht, wird im Rahmen der Finanzkrise gegen „die faulen Menschen in den EU-Südstaaten” gehetzt, deren Systeme wir mit Milliarden-Beträgen stützen würden. So werden diese Menschen beschämt. damit sich das System auf ihre Kosten entlastet.

Dieses perfide Spiel unserer Politiker sowie der Lobbyistenverbände benutzt gezielt den Sozialneid auf der Machtseite, und die Schamgefühle auf der Opferseite! — Kein Wunder, wenn unter solchen (politisch gewollten!!!) Verhältnissen die Zahl der Menschen mit psychischen Beschwerden rasant zunimmt: Über 28% der Arbeitnehmer hat ernste psychische Probleme (BEK-Report 2013)!

Beispiel 4: Normen und Werte von Religionen — Macht, Unterdrückung, Beschämung

Es ist erstaunlich! Alle Religionen dieser Welt beinhalten Normen, Werte, Regelwerke, Gebote und dergleichen, die angeblich von Gott oder Göttern oder Propheten und dergleichen den Menschen gegeben worden sind. Allen diesen Vorschriften ist eines gemeinsam: Sie fordern von den Menschen ein perfektes, ideales und somit gottgleiches Verhalten! Da solch ein Verhalten aber unmöglich ist, müssen die Menschen an diesen Vorgaben verfehlen und scheitern.

Und daraus entsteht dann angeblich Schuld. Und diese Schuld kann man nur wieder los werden, wenn man bestimmte Handlungen vornimmt, die letztlich diese Religion stärken und den einzelnen Menschen schwächen. So muss man die Beichte ablegen und Buße tun, Opfergaben entrichten oder seine Schuld mit dem Anhäufen von Karma und Wiedergeburt bezahlen.

Wer an den Vorgaben der Religion scheitert, steht als fehlerhafter, sündiger Mensch da und seine scheinbare Schwäche, die Vorgaben der Religion nicht erfüllen zu können, werden sichtbar. Daraus folgt eine starke Beschämung. Und die Angst davor, beschämt zu werden, treibt die Menschen dazu, sich noch viel mehr anzustrengen, die nicht erfüllbaren Normen, Werte, Regelwerke, Gebote der Religion zu erfüllen. Das aber wird weiterhin nur unvollkommen gelingen, eben weil Menschen nicht perfekt sind und es zum Mensch-Sein dazugehört, unvollkommen zu sein.

Als bestes und anschauliches Beispiel mag hier z.B. die Sexualmoral / Sexualethik der katholischen Kirche dienen. Sie richtet sich gegen das menschliche Grundbedürfnis auf sexuelle Entfaltung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Ein Grundbedürfnis heißt deshalb so, weil es erfüllt werden muss, damit der Mensch sich ganz zur Entfaltung bringen kann. Grundbedürfnisse sind weitgehend in den internationalen Menschenrechten verankert. Sex ist die stärkste und creativste Kraft eines Menschen, aus der wir alle entstanden sind! Wer diese Kraft durch willkürliche Regeln unterdrückt und mit dem Image des Sündhaften beschädigt, schädigt Menschen in ihrer psychischen Gesundheit.
Dass sich die Ur-Kraft der menschlichen Sexualität durch unmenschliche kirchliche Sittenlehre nicht unterdrücken lässt, sieht man an den unzähligen Fällen sexueller Gewalt, die gehäuft in der katholischen Kirche zu finden sind. Sie predigen das Eine und tun selbst das Andere! Diese Bigotterie hat die Kirche in letzter Zeit selbst unfreiwillig enttarnt, indem sie die Kommission zur Aufklärung der Misbrauchsfälle hat scheitern lassen und jede Möglichkeit dazu nutzt, die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaften systematisch zu verhindern und zu sabotieren. Man könnte unter diesem Gesichtspunkt durchaus von einer kriminellen Vereinigung sprechen!
(Anmerkung: Dennoch erfolgt keine ernsthafte, konsequente Strafverfolgung, weil die katholische Kirche mit ihrer Unterdrückungslehre eine machtstabilisierende Kraft zu Gunsten des herrschenden Systems darstellt.)

Andere Religionen nutzen prinzipiell ähnliche Unterdrückungssysteme. Ich kann Betroffenen nur raten, die ihnen auferlegten Normen, Werte, Regelwerke, Gebote und dergleichen gründlich zu überprüfen, ob sie dem Mensch-Sein gegenüber angemessen sind oder ob sie tatsächlich nur ein Machtsystem der Unterdrückung, der Beschämung und der systematischen Verletzung der menschlichen Würde darstellen.

Verschiedene Arten von Scham: Beschämung durch Zuschreibungen anderer

Hier geht es nicht mehr darum, die eigene Idealvorstellung mit dem wirklich vorhandenen eigenen Zustand zu vergleichen, sondern darum, dass die eigene Idealvorstellung, wie man sein sollte, gar nicht die eigene Idealvorstellung ist! Im Gegensatz zu den vorigen Beispielen bezieht sich der Vergleich des eigenen Verhaltens nun auf die Ideale anderer Menschen oder „der Gesellschaft”. Dies geschieht viel häufiger, als man annehmen würde, weil diese Information meist im Unterbewussten liegt. Wie kommt das?

Beispiel: Wenn ein Kind von seinen Eltern oder anderen für es bedeutenden Bezugspersonen eine Zuschreibung erhält wie z.B.: „Du bist ein schusseliges Kind, das dauernd mit seiner Unruhe andere nervt”, dann verinnerlicht das Kind diese Botschaft als „wahr” — …denn wer weiß besser über das Kind Bescheid als die dessen Eltern?!
(Noch tiefer verankert sich diese Zuschreibung, wenn z.B. Eltern in Gegenwart des Kindes mit anderen über das Kind und seine angeblichen Eigenschaften sprechen, weil hier die Zuschreibung innerhalb einer für das Kind beschämenden Situation ausgesprochen wird!)

Das Kind kämpft nun verzweifelt gegen diese Zuschreibungen an, weil sie nicht dem von anderen erwarteten Idealbild entsprechen: Es achtet also in verkrampfter Weise darauf, dass es sich nicht den Zuschreibungen gemäß verhält. Durch genau diese verkrampfte Haltung, diese Fokussierung auf die schwachen Punkte, geschehen genau die Dinge, die diese Zuschreibungen bestätigen!

Hierdurch macht das Kind die sich ständig wiederholende Erfahrung, dass die beschämende Zuschreibung zurecht besteht und zutreffend ist. Das in dieser Situation neu auftretende Gefühl der Beschämung verstärkt diese Abwärtsspirale noch. Und zusätzlich erntet das Kind erneut Kritik oder gar Hohn und Spott anderer, weil es „mal wieder” schusselig, unkonzentriert, vergesslich, zerstreut war.
Es schämt sich also für etwas, das gar nicht auf natürliche Weise in ihm als Wert oder Norm vorhanden war, sondern ihm von außen eingepflanzt worden ist. Man sagt auch »Introjekt« dazu.

Mit der Zuschreibung der Eltern und mit der ständig sich wiederholenden Erfahrung, dass diese Zuschreibung wohl zutreffend ist, erwartet das Kind von sich selbst in Zukunft nichts Besseres mehr. Und der innere Konflikt zwischen dem Ideal und der Zuschreibung führt zu starker innerer Spannung, welche die Lebenslust und Lebenskraft schwächt.

Am Ende dieser sich ständig in der Intensität steigernden Abwärtsspirale können die verschiedensten psychischen Probleme entstehen, wie z.B. Zwänge, Ess-Probleme, Ängste und oftmals auch das dubiose Phänomen AD(H)S. Im Extremfall innerer Not können sich auch Psychosen entwickeln (=Realität kann nicht mehr von Gedachtem unterschieden und abgegrenzt werden).

kleine Anmerkung zu AD(H)S: Die AD(H)S-Definition nach ICD-10 ist falsch, weil sie nicht (nur) den aktuellen Zustand des Kindes erfassen müsste, sondern auch den Zustand der Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen einbeziehen müsste! Die Bezugspersonen haben ihren Anteil am Zustandekommen des Effekts, den man mit AD(H)S beschreibt und daher gehören alle für das Kind wichtige Bezugspersonen mit in die Therapie!!!

Übrigens kann die Diagnose einer „Pychischen Störungen” vom Klienten ebenfalls als Zuschreibung angesehen werden! Wer in seinem bisherigen Leben oftmals beschämt worden ist und womöglich genau deshalb psychische Probleme entwickelt hat, möchte gewiss nicht durch einen Therapeuten durch die Diagnose erneut beschämt werden! Zumal der Klient vom Therapeuten Hilfe erwartet, statt einer erneuten Verletzung und Entwürdigung durch das Beschämt-Werden im Rahmen einer als Zuschreibung verstandenen Diagnose. Denn so würde sich genau das wiederholen, was der Klient oft in seiner Kindheit erleben musste, nämlich dass ausgerechnet die Menschen, von denen er Schutz, Zuwendung, Trost und Stärkung hätte erwarten können, ihn durch Beschämung verletzt, gekränkt und seine Würde angegeriffen haben!

Abhilfe gegen derartige Beschämungen in der Kindheit: Ohne eine einfühlsame, verständnisvolle Therapie lassen sich die als Folge von Beschämung entstandenen Probleme meist nicht bearbeiten. In meiner therapeutischen Arbeit sehe ich daher an erster Stelle, die Würde des Klienten zu respektieren, indem ich ihn voll und ganz so annehmen, wie er gerade ist. Und dazu gehören all seine Besonderheiten und eventuelle Auffälligkeiten!
Ich handele in dem Verständnis, dass die Denkmuster und Verhaltensweisen eines Klienten Ausdruck einer großen Stärke und Creativität sind, mit der er versucht hat, aus seiner Lebenssituation das Bestmögliche zu machen. Diese Leistung erkenne ich an und weiß sie wertzuschätzen! Und alle weitere Schritte beruhen auf dieser Grundhaltung.

Verschiedene Arten des Schams: über das „Fremd-Schämen”

Hier geht es nicht mehr darum, die eigene Idealvorstellung mit dem wirklich vorhandenen eigenen Zustand zu vergleichen, sondern darum, dass die eigene Idealvorstellung, wie man sein sollte, gar nicht die eigene Idealvorstellung ist! Im Gegensatz zu den vorigen Beispielen bezieht sich der Vergleich des eigenen Verhaltens nun auf die Ideale anderer Menschen oder „der Gesellschaft”. Dies geschieht viel häufiger, als man annehmen würde, weil diese Information meist im Unterbewussten liegt. Wie kommt das?

Beispiel: Wenn ein Kind von seinen Eltern oder anderen für es bedeutenden Bezugspersonen eine Zuschreibung erhält wie z.B.: „Du bist ein schusseliges Kind, das dauernd mit seiner Unruhe andere nervt”, dann verinnerlicht das Kind diese Botschaft als „wahr” — …denn wer weiß besser über das Kind Bescheid als die dessen Eltern?!
(Noch tiefer verankert sich diese Zuschreibung, wenn z.B. Eltern in Gegenwart des Kindes mit anderen über das Kind und seine angeblichen Eigenschaften sprechen, weil hier die Zuschreibung innerhalb einer für das Kind beschämenden Situation ausgesprochen wird!)

Das Kind kämpft nun verzweifelt gegen diese Zuschreibungen an, weil sie nicht dem von anderen erwarteten Idealbild entsprechen: Es achtet also in verkrampfter Weise darauf, dass es sich nicht den Zuschreibungen gemäß verhält. Durch genau diese verkrampfte Haltung, diese Fokussierung auf die schwachen Punkte, geschehen genau die Dinge, die diese Zuschreibungen bestätigen!

Hierdurch macht das Kind die sich ständig wiederholende Erfahrung, dass die beschämende Zuschreibung zurecht besteht und zutreffend ist. Das in dieser Situation neu auftretende Gefühl der Beschämung verstärkt diese Abwärtsspirale noch. Und zusätzlich erntet das Kind erneut Kritik oder gar Hohn und Spott anderer, weil es „mal wieder” schusselig, unkonzentriert, vergesslich, zerstreut war.
Es schämt sich also für etwas, das gar nicht auf natürliche Weise in ihm als Wert oder Norm vorhanden war, sondern ihm von außen eingepflanzt worden ist. Man sagt auch »Introjekt« dazu.

Mit der Zuschreibung der Eltern und mit der ständig sich wiederholenden Erfahrung, dass diese Zuschreibung wohl zutreffend ist, erwartet das Kind von sich selbst in Zukunft nichts Besseres mehr. Und der innere Konflikt zwischen dem Ideal und der Zuschreibung führt zu starker innerer Spannung, welche die Lebenslust und Lebenskraft schwächt.

Am Ende dieser sich ständig in der Intensität steigernden Abwärtsspirale können die verschiedensten psychischen Probleme entstehen, wie z.B. Zwänge, Ess-Probleme, Ängste und oftmals auch das dubiose Phänomen AD(H)S. Im Extremfall innerer Not können sich auch Psychosen entwickeln (=Realität kann nicht mehr von Gedachtem unterschieden und abgegrenzt werden).

kleine Anmerkung zu AD(H)S: Die AD(H)S-Definition nach ICD-10 ist falsch, weil sie nicht (nur) den aktuellen Zustand des Kindes erfassen müsste, sondern auch den Zustand der Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen einbeziehen müsste! Die Bezugspersonen haben ihren Anteil am Zustandekommen des Effekts, den man mit AD(H)S beschreibt und daher gehören alle für das Kind wichtige Bezugspersonen mit in die Therapie!!!

Übrigens kann die Diagnose einer „Pychischen Störungen” vom Klienten ebenfalls als Zuschreibung angesehen werden! Wer in seinem bisherigen Leben oftmals beschämt worden ist und womöglich genau deshalb psychische Probleme entwickelt hat, möchte gewiss nicht durch einen Therapeuten durch die Diagnose erneut beschämt werden! Zumal der Klient vom Therapeuten Hilfe erwartet, statt einer erneuten Verletzung und Entwürdigung durch das Beschämt-Werden im Rahmen einer als Zuschreibung verstandenen Diagnose. Denn so würde sich genau das wiederholen, was der Klient oft in seiner Kindheit erleben musste, nämlich dass ausgerechnet die Menschen, von denen er Schutz, Zuwendung, Trost und Stärkung hätte erwarten können, ihn durch Beschämung verletzt, gekränkt und seine Würde angegeriffen haben!

Abhilfe gegen derartige Beschämungen in der Kindheit: Ohne eine einfühlsame, verständnisvolle Therapie lassen sich die als Folge von Beschämung entstandenen Probleme meist nicht bearbeiten. In meiner therapeutischen Arbeit sehe ich daher an erster Stelle, die Würde des Klienten zu respektieren, indem ich ihn voll und ganz so annehmen, wie er gerade ist. Und dazu gehören all seine Besonderheiten und eventuelle Auffälligkeiten!
Ich handele in dem Verständnis, dass die Denkmuster und Verhaltensweisen eines Klienten Ausdruck einer großen Stärke und Creativität sind, mit der er versucht hat, aus seiner Lebenssituation das Bestmögliche zu machen. Diese Leistung erkenne ich an und weiß sie wertzuschätzen! Und alle weitere Schritte beruhen auf dieser Grundhaltung.

Selbstunterdrückung, um der Gefahr möglicher Beschämung zu entgehen

Der Gruppendruck, der durch Angst vor Beschämung gezielt hervorgerufen wird und somit der Machtausübung und dem Macht-Erhalt dient, wird besonders stark in Zeiten großer Unsicherheit wie z.B. jetzt in der Finanzkrise mit ihren Folgen wie Erwerbslosigkeit, Verarmung, Perspektivlosigkeit der Zukunft usw.
Aus Angst vor Beschämung und der damit einhergehenden sozialen Isolation oder Ächtung verhalten sich viele Menschen möglichst unauffällig und systemkonform. Diese Stimmung war zu Zeiten des deutschen Nationalsozialismus extrem ausgeprägt. Sehr viele Menschen klammern sich an die Struktur, die Normen, Werte und Ideale des Systems, um in diesen unsicheren angsterfüllten Zeiten wenigstens darin eine (scheinbare) Sicherheit zu finden. Fataler Weise verfolgen sie dabei Werte und Normen, die ihren eigenen Interessen entgegen gerichtet sind und nur den Herrschenden dienen. Und zugleich fühlen sich solche Menschen dann stark, wenn sie durch das Machtmittel der Beschämung und Scham-Angst die Normen und Werte des herrschenden Systems all jenen aufdrückt, die sich irgendwie abweichend verhalten.

Die normative Kraft der Mode

Heutztutage brauchen Sie sich nur anders zu kleiden, als der modische Mainstream. Schon laufen Sie Gefahr, von anderen beschämt zu werden, weil man sich über Sie lustig macht und man Sie mit ihrer Abweichung von der Norm als lächerlich hinstellen wird.

Die normative Kraft, wie man Freude zeigen darf

Sie brauchen sich lediglich anders als „der große Durchschnitt” einer Gruppe oder der Einwohner eines Dorfes zu verhalten, indem Sie z.B. auf einem Fest ihre Freude und Begeisterung voll und ganz zeigen, oft laut lachen oder wild tanzen.

Die normative Kraft in den „Erziehungseinrichtungen”

Ein reales Beispiel, das ich selbst beobachtet habe: Ein Radler fuhr bei schwülheißem Augustwetter nur mit einer kurzen Hose bekleidet auf dem Fahrrad durch eine Ortschaft. Am Straßenrand ging eine Gruppe Kinder eines Kindergarten. Als die Kinder den Radler sahen, kreischten sie wild los: „Ihhhhh... der isch ja nackig!!! Bähhhh!” – Erst mal war der Radler ja keinesfalls „nackig”. Und zweitens fragt sich doch, wer den Kindern diese Reaktionsweise anerzogen hat! Die zwei Erzieherinnen etwa, die dabei waren? Und wie hätten diese Kinder reageirt, wenn es eine leicht bekleidete Radlerin gewesen wäre??? – Meine Fantasie geht in Richtung „feministischer Einflussnahme”. Aber eines ist es gewiss: Es ist beschämend! Und diese künstlich anerzogene Reaktion der Kinder wirkt normativ. Denn wer möchte sich denn schon von kleinen Kindern auslachen und beschämen lassen? Waren die Kinder hier normativ im Sinne von Feministinnen instrumentalisiert? Jeder wenig bekleideter Mann ein potenzieller SexTäter???

Beschämung aufgrund normativer Kräfte = der sichere Weg in den Faschismus

Beschämung wirkt hier als Unterdrückung jeglicher persönlicher Freiheit, sobald der in Anspruch genommene Freiraum persönlicher Entfaltung von den Vorstellungen der Gesellschaft oder der Gruppe abweicht. Beschämung ist deshalb Teil jedes faschistischen Machtapparats. Und das Schlimmste ist, dass die Menschen in einem solchen Regime sich selbst unterdrücken und unnötig ihre Freiräume selbst beschneiden: Denn sie folgen in einer Art von vorauseilendem „Gehorsam” solchen Verhaltenregeln, die ihnen möglichst jede Art von Beschämung erspart! Ihr Verhalten ist damit viel weitgehender, schärfer und perfider jeder Freiheit beraubt, als es eine Diktatur mit willkürlicher Gesetzgebung erreichen könnte!

Wie ich oben beschrieb, kann auch der Wirkungsmechanismus des Introjekts zur Machtausübung genutzt werden. (Man schreibt einem Menschen eine beschämende Eigenschaft, einen Mangel zu, von dessen realem Vorhandensein dieser Mensch fortan überzeugt ist. Das Handeln dieses Menschen wird fortan davon bestimmt und getrieben sein, jede Beschämung zu vermeiden, die durch das Sichtbarwerden des scheinbaren Mangels entstehen könnte.)
Menschen folgen somit ihrem eigenen inneren Gefängnis und von außen betrachtet kann der Machtapparat, das System, der Arbeitgeber immer die Situation so darstellen, als ob alle im System lebenden Teilnehmer ihre völlige Freiheit hätten.

Übrigens wirken die in unglaublicher Weise alles umfassenden Überwachungs- und Spitzelmaßnahmen, die durch Edward Snowden bekannt geworden sind, sowie Videoüberwachungen im öffentlichen Raum ebenfalls in diesem Sinne normativ: Weil Menschen sich inzwischen ständig beobachtet fühlen, verhalten sie sich möglichst „unauffällig” und das heißt: der Norm des Üblichen entsprechend. Wer „auffällt” kann jederzeit von den Überwachungskräften auf sein abweichendes Verhalten angesprochen und somit zumindest beschämt werden.

Wie können wir uns dagegen schützen und unsere Freiräume erhalten?

Als Abhilfe gegen zerstörerischen Gruppendruck und für eine Lebensgestaltung unabhängig von diesem Druck benötigt man sehr viel Mut und Kraft, eine innere Stärke, innere Stimmigkeit und Authentizität, die fast schon unangreifbar macht. Es ist nicht leicht, aber es lohnt sich! Denn je mehr Sie diese innere Stärke und Stimmigkeit für sich entwickeln, um so größer wird Ihr persönlicher Freiraum zur Gestaltung Ihres Lebens und um so lustvoller können Sie Ihr Leben genießen.

Hinterfragen Sie alle Ihnen bewusst werdenden gesellschaftlich üblichen Werte, Normen, Ideale und „Selbstverständlichkeiten”! Sie möchten etwas tun, was Ihnen wirklich Freude bereitet, was Ihnen Spaß macht und in Ihnen Lustgefühle entstehen lässt und dabei niemanden schädigt oder benachteiligt. Ihr Vorhaben beinhaltet aber vielleicht etwas, das sehr abweicht von dem, was „gesellschaftlich üblich” ist: Kaum, dass Sie also Ihrer lustvollen Idee bewusst geworden sind, antwortet in Ihnen scheinbar eine Stimme: „Das kannst du nicht machen! — Was sollen denn die Nachbarn denken! — Du machst dich zum Gespött der Leute! — Das tut man nicht! — Das gehört sich nicht! — usw. usw.” Und Ihnen ist klar, dass Ihnen gesellschaftliche Ächtung durch Beschämung droht, wenn Sie Ihr Vorhaben dennoch verwirklichen.

Erst nachdem Sie sich dieser Vorgänge in Ihrem Inneren bewusst geworden sind, können Sie damit beginnen zu prüfen, ob die befürchteten Konsequenzen aus Ihrem Vorhaben (Beschämung, soziale Ächtung, usw.) realistisch sind und wie wahrscheinlich diese Konsequenzen eintreten werden.
Im nächsten Schritt können Sie nun abwägen, ob Ihnen das Vergnügen aus Ihrem Vorhaben mehr bedeutet und wichtiger ist, als die realistisch anzunehmenden Konsequenzen und ob Sie deshalb bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.
Wenn Sie bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, weil Ihnen das Vergnügen aus Ihrem Vorhaben wertvoller erscheint… DANN MACHEN SIE's! Und Sie werden schon in dieser Entscheidung spüren, wie sich Ihr Freiraum zur lustvollen Lebensgestaltung erweitert!

Meine bisherige Erfahrung mit solchen „Befreiungsvorgängen” und „Befreiungs-Entscheidungen” waren immer positiv und zudem viel erfreulicher, als ich es überhaupt angenommen hatte! — Aber ich sage auch, dass es oft verdammt viel Überwindung, Mut und konsequentes Handeln erfordert hat, das Vorhaben wirklich durchzuziehen.

Beschämung – vom Kindesalter an ein Disziplinierungs- und Machtmittel

Kinder lernen sehr viel durch Nachahmung, durch Lernen am Vorbild. Vorbilder sind die wichtigsten Bezugspersonen. Das ist ein nützlicher und förderlicher Vorgang, denn auch in der Nachahmung liegt Eigeninitiative und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit des Kindes, die letztlich zu dem Erfolg führt: „Kann ich jetzt auch!”
Leider versuchen viele Eltern ihre Kinder auch durch die Antriebskraft des Schams zu „erziehen” — oder besser gesagt, damit unter Druck zu setzen. Dabei ist ihnen nicht bewusst, welche Folgen dies haben kann.

Beispiel 1: Mutter sagt, alle anderen Kinder sind in deinem Alter schon sauber gewesen. Nur du pisst dir immer noch in die Hosen! Du bist ja nicht normal! Wenn das deine Mitschüler wüssten!
Das Ergebnis ist, dass das Kind in diesem Beispiel sogar drei Mal massiv beschämt wird: Zunächst wird sein Verhalten mit dem „aller anderen” Kinder verglichen und so Beschämung ausgelöst, weil das Kind ein Verhalten hat, das von dem normativen Durchschnitt der Kinder abweicht.
Die zweite Beschämung wird durch eine sogenannte Zuschreibung ausgelöst, nämlich indem die Mutter dem Kind zuschreibt „nicht normal” zu sein. Das Kind schämt sich dann dafür, dass es so ist, wie es ist. Zuschreibungen sind unglaublich verletzend und zerstörerisch und beschämend. Denn weil dem Kind diese Eigenschaft zugeschrieben (auf den Leib geschrieben) wird, glaubt das Kind daran, dass die Zuschreibung wahr ist. Es erwartet in seinem künftigen Leben ständig, dass ihm Nachteiliges geschehen wird, eben weil es ja „nicht normal” ist. Und es hat Angst davor, dass alle ihm auf Anhieb ansehen, dass es „nicht normal” ist. Oftmals entsteht so eine soziale Phobie.
Die dritte Beschämung ist eine Verstärkung der ersten beiden, weil wie bei einer Drohung mit der Schreckens-Fantasie gespielt wird, was wäre, wenn die Mitschüler das wüssten. Das Kind hat folglich andauernde Ängste, dass Mitschüler herausfinden, dass es sich einnässt und dass es „nicht normal” ist.

Beispiel 2: Der Vater sagt, echte Jungs weinen nicht und Indianer kennen keinen Schmerz! Oder willst du eine Heulsuse sein?
Weil das Kind aus Beipiel 1 schon gelernt hat, dass ein vom „normalen Durchschnitt” abweichendes Verhalten zu üblen sozialen Konsequenzen und Ausgrenzung führt, begreift es nun sehr schnell, dass es auch seine Gefühle unterdrücken muss, damit es von allen anderen angenommen und gemocht wird. Es darf nicht weich und mitfühlend sein, denn dann ist es als „Heulsuse” bei allen verachtet und… beschämt.
Das Kind verinnerlicht die vom Vater vorgegebene Norm, denn Vater ist ja ein mächtiges Vorbild. Die Norm des Vaters wird vom Kind übernommen, als sei es die eigene. Das Kind lernt so, dass seine Gefühlsäußerungen eine Gefahr, eine Bedrohung darstellen, beschämt zu werden. Diese Zusammenhänge tragen sicher ebenfalls dazu bei, dass viele Männer in unserer Gesellschaft scheinbar unsensibel, hart oder unnahbar erscheinen. Es ist nichts als ein Schutzwall, der sie gegen einen vermeintliche Schwäche (die Gefühle) und gegen Beschämung schützen soll. Nicht „die Männer sind so”, sondern die Umgebungseinflüsse haben „die Männer” so werden lassen.

Beispiel 3: Die Lehrerin sagt im Sportunterricht: Du hats ja keinen Mumm in den Knochen! Du solltest dich mal mehr anstrengen. (Sie glaubt oft sogar, damit den Ehrgeiz des Kindes wecken und es anspornen zu können.)
Das Kind steht nun vor seinen Schulkameraden blamiert und beschämt da als Schwächling. Wieder ist es eine Zuschreibung, die meist vernichtende Folgen hat! Denn das Kind hat „offiziell” von der Lehrerin (die es ja wissen muss) und vor allen anderen Kindern bescheinigt bekommen, dass es ein Schwächling sei.
Das Kind möchte natürlich nicht von anderen als Schwächling gesehen werden, hält aber seit dieser Beschämung seinen Körper für schwächlich. Künftig soll möglichst niemand mehr seinen Körper sehen können, damit niemand die (angebliche) Schwäche sieht.

Dieses Kind wird wirklich schwach im Leben da stehen! Aber nicht weil es wirklich schwach ist, sondern weil es durch kränkende Zuschreibungen, Abwertungen und Beschämungen geschwächt worden ist. Die Wahrscheinlichkeit, psychisch ernsthafte Probleme zu entwickeln, ist leider sehr groß geworden! — Zumindest wird es sich wahrscheinlich zu einem sich sehr anpassenden und eher unterwürfigen Menschen entwickeln, der froh ist, das tun zu dürfen, was andere ihm zuweisen: Der ideale Untertan! Genau das also, was in der heutigen Zeit der rücksichtslosen „Arbeitsverdichtung” gebraucht wird! Aber auf Kosten jeder Lebensfreude und Lebenslust, auf Kosten persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten und Freiräume, auf Kosten der psychischen Gesundheit!

Abhilfe gegen derartige Beschämungen in der Kindheit: In einer intensiven Psychotherapie kann der Therapeut anregen, sich an das damals als Kind „Erlernte” zu erinnern. Was man erlernt hat, kann man auch wieder verlernen und etwas Neues erlernen. Leider verfestigt sich das als Kind erlernte Selbstbild, der als Kind erlernte Selbstwert und die als Kind erlernten Verhaltensweisen und Denkmuster je länger diese im Alltagsleben beibehalten werden.
Um so aufwändiger und länger dauert dann eine Therapie, in der ein Verlernen und Neu-Lernen stattfinden kann und die alten Wunden heilen können. Die Narben werden jedoch immer bleiben!

Äußerst hilfreich und effizient wirksam hat sich hier der »Therapeutische Humor« erwiesen. Der erfahrene Psychotherapeut und Buchautor Michael Titze hat hierzu schon 1995 ein Buch geschrieben, das ich jedem Psychotherapeuten dringend empfehle: »Die heilende Kraft des Lachens — Mit therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen«. Es ist in der 7. Auflage erschienen und stellt eine Zusammenfassung internationaler Erkenntnisse zum Thema Beschämung und humorbasierte Therapiemöglichkeiten dar.
Ich selbst nutze viele der dort beschriebenen therapeutischen Möglichkeiten und integriere sie oft auch in die Schematherapie, deren Verständnis mein Kernkompetenzfeld darstellt.

Angst vor Beschämung = Angst vor dem Lachen der anderen

Hier geht es um die Folge von Beschämung, der Scham-Angst: Es ist die Angst davor, dass jemand sich über uns belustigt, uns lächerlich macht oder uns auslacht, obwohl objektiv dies tatsächlich oftmals NICHT geschieht. — Es handelt es sich um eine Angst-Problematik, die sich auf die Möglichkeit des Beschämt-werden durch das Lachen anderer bezieht.
Oftmals ist diese Art von Angst dadurch entstanden, dass wir mit angesehen haben, wie andere Menschen durch Auslachen verletzt und zutiefst beschämt worden sind und vielleicht auch ausgegrenzt und in die Isolation verstoßen worden sind. Und wir befürchten nun stark, dass uns das Gleiche geschehen könnte, wenn jemand bei uns einen Agriffspunkt, eine Schwäche, einen Makel oder ein abweichendes Verhalten finden würde.

Wie ich oben beschrieb, ist die Fähigkeit zum Lachen dem Menschen angeboren. Das Neugeborene kann es nach wenigen Monaten, ohne es gelernt zu haben. Sein Lachen ist Überlebens-Notwendig, weil es mit dem Lachen die Bindung zur Mutter aufnimmt und verstärkt, denn ohne die Zuwendung der Mutter kann es nicht überleben. Lachen ist also verbunden mit der Kraft des Ur-Vertrauens. Ausgelacht oder verlacht zu werden stellt also letztlich den Missbrauch dieser Fähigkeit zu zerstörerischen Zwecken dar. Und genau deshalb ist es so verletzend, ausgelacht zu werden.

Das Vermeiden von Blickkontakt in Angst vor Beschämung: Eine Variante dieser Angst zeigt sich darin, dass die Betroffenen kaum dazu in der Lage sind, längeren Blickkontakt herzustellen oder gar anderen in die Augen zu sehen. Augen sind zum Sehen da und die Augen des anderen könnten bei dem Betroffenen etwas sehen, das nicht irgendwelchen Idealen entspricht, deren Einhaltung der Betroffene von sich selbst fordert. Dies würde zur Beschämung führen und der Betroffene möchte diese Beschämung vermeiden, indem er jeden Blickkontakt vermeidet.
Schließlich kann es sein, dass der Betroffene jegliche Kontakte vermeidet und sich in Isolation zurück zieht. Die Isolation führt dann meist in die Depression.

Das Erröten als Zeichen in Angst vor Beschämung: Auch das Erröten und die Angst vor dem Erröten gehören zu dieser Problematik. Es ist ein völlig natürlicher Vorgang, dass sich in Stressituationen die Durchblutungssituation im Körper ändert. Und dies kann auch zum Erröten führen. Das Erröten in sozialen Situationen wird aber gesellschaftlich fast immer als Zeichen von Schwäche und hoher innerer Konflikthaftigkeit gesehen. Dieses Gesehenwerden möchte der Betroffene vermeiden. Leider verunsichert er sich selbst mit dieser Vermeidungshaltung immer mehr, weil seine Gedanken und Befürchtungen ständig um das Erröten kreisen, sobald er in soziale Situationen kommt.
Oftmals neigen Betroffene schließlich dazu, jegliche Kontakte zu vermeiden und sich in Isolation zurückzuziehen. Die Isolation führt dann meist in die Depression.

Befreien Sie sich von Beschämung: durch den Mut zur Unvollkommenheit

Grundsätzlich bezieht sich das Schämen auf die Differenz zwischen einem angestrebten Idealzustand von Normen, Werten, Vorstellungen und dem konkreten Ist-Zustand des Menschen. Und weil in unserer heutigen Gesellschaft das Leistungsdenken, der Null-Fehler-Anspruch, der Perfektionismus in extremer Weise zu den Werten und Normen gehört, aber in Wirklichkeit kein Mensch diesen Anspruch wirklich erfüllen kann (eben weil wir nicht gottgleich perfekt sind), führt jeder sichtbar werdende Fehler oder Mangel, jede Schwäche ziemlich schnell zur Beschämung.

Gerade die Götzen unserer Zeit wie die Überbetonung von Leistung, Denken, Arbeit, Effizienz und Perfektionismus treiben uns dazu an, eine Fassade vor uns herzutragen, die anderen Menschen signalisieren soll, dass wir diesen Idealen tatsächlich entsprechen. Natürlich wissen wir und jeder andere (insgeheim), dass es sich nur um eine Fassade handelt und das Ganze auf der Lüge beruht, dass wir uns besser darstellen, als wir wirklich sind. Aber genau damit sind wir auch angreifbar für Beschämung! — Sobald ein anderer bei uns eine Schwäche entdeckt hat oder einen Bereich, wo wir mit unserem Verhalten, unserer Einstellung und den Werten von der „offiziell erwünschten” abweichen, ist der Angriffspunkt für Beschämung gefunden! Und es liegt ganz im Ermessen des anderen, ob er sein Wissen um unsere Angriffspunkte gegen und verwendet, indem er uns bloß stellt und beschämt!!!

Im Prinzip gleich ist der Vorgang, dass der Mensch sich von anderen dabei ertappt fühlt, wie er gegen die eigenen Normen, Werte und Ideale verstößt, die er womöglich zuvor selbst lauthals propagiert hat.(Wasser predigen und selbst den Wein trinken)

Immer steht im Ergebnis der Gedanke: Wie stehe ich denn jetzt da??? — Beschämung ist daher oft die Folge von der Lüge, mit der wir uns selbst und andere über die Tatsache unserer Nicht-Idealität täuschen wollen.

Hier ist Ihre Befreiung:

Ab genau dem Augenblick, in dem Sie bewusst die Entscheidung für sich treffen, ohne faule Kompromisse voll und ganz zu sich in Ihrem gesamten Spektrum des Mensch-Sein zu stehen, mitsamt aller Eigenheiten, Neigungen, Gefühlen, Bedürfnissen, Wertevorstellungen und Idealen und zulassen, dass jeder Sie damit sehen kann und darf…
ab diesem Augenblick sind Sie frei!

Und aus dieser befreiten Grundhaltung heraus ist es Ihnen möglich, sich un-verschämt (=ohne Scham) zu verhalten. Lassen Sie sich einfach nicht beschämen, indem Sie sich schamlos zeigen! Und damit dies andere nicht provoziert, verpacken Sie Ihre Reaktion in puren Humor.

Humor beruht auf überraschenden Gegensätzen, Übertreibungen oder verblüffenden Wendungen, die sich aus einer absichtlichen falschen Logik oder aus absichtlich groteskem Überschreiten der gängigen Normen, Werte und Regeln ergeben:

Beispiel 1: Sie nehmen an einem Festessen teil und werfen versehentlich ein Glas Rotwein um, dessen Inhalt sich auf das Festkleid der Gastgeberin ergießt. Ihr Sitznachbar kommentiert dies laut und vernehmlich: „Wie kann man nur so tölpelhaft sein!”
mögliche Antwort und Lösung: „Sie haben vollkommen Recht! Aber Sie haben unglaubliches Glück gehabt: Denn wenn mich so hart kritisert werde, schäme ich mich und mein vegetatives System gerät durcheinander. Und dann kotze ich auf den Tisch.”

Beispiel 2: Sie sollen an Ihrer Arbeitsstelle vor Kollegen ein Kurzreferat halten. Sie haben alles sorgfältig vorbereitet, zig mal mit Videokamera zu Hause geprobt. Nun stehen Sie da, der Gruppenleiter oder Chef ist natürlich auch da und alle blicken Sie gespannt und erwartungsvoll an. PENG! Nichts mehr fällt Ihnen ein. Der Kopf ist leer, der Puls hämmert. — „Oh Gott, wie stehe ich jetzt da???”
mögliche Antwort und Lösung: Alle anderen angrinsen, das Grinsen allmählich immer stärker werden lassen und dann sagen: „Ist es nicht angenehm und spannungssteigernd, wenn mal eine Weile garnichts gesagt wird?”
oder: (ebenfalls nach längerer Pause mit sich steigerndem Grinsen) „Sie haben mich durchschaut! Das Schweigen ist ein alter Trick von mir, den ich in meiner besten Zeit am Deutschen Theater gelernt habe.”
oder: (ebenfalls nach längerer Pause mit sich steigerndem Grinsen) „Sie erlebten gerade die Einleitung meines Vortrags im Stil der nonverbalen Kommunikation. Wir beginnen nun mit dem verbalen Teil.”

Witze zum Thema Scham und Beschämung

An einem schwülheißen Hochsommertag wandern ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer an einem See. Als es ihnen zu heiß wird, ziehen Sie sich kurzentschlossen aus und schwimmen einige Runden. Wie sie gerade wieder aus dem Wasser steigen, kommt eine Wandergruppe aus ihrem Wohnort vorbei. Der katholische Pfarrer hält sich die Hände vor seinen Pimmel. Der evangelische hält sich die Hände vor sein Gesicht und ruft seinem Kollegen zu: „Was machen Sie denn da? An Ihrem Pimmel wird man Sie ja wohl kaum wiedererkennen!”

Der zukünftige Ehemann ist bei seinen künftigen Schwiegereltern zum Festessen eingeladen. In einer großen Runde sitzen sie am Tisch. Hinter dem Stuhl des Zukünftigen ruht der große Hund des Hauses. — Nach dem reichhaltigen Essen entfährt dem Mann ein Geräusch des Gas-Ablassens. Der Hausherr rettet die Situation indem er dem Hund ein drohendes „Harras!” zuruft. — Leider pupst der Zukünftige schon bald erneut. Wieder ein drohendes „Harras!!!” — Es ließ sich trotz aller Anstrengung nicht vermeiden: Ein dritter Furz entfuhr dem armen Mann. Da schreit der Hausherr: „Harras! Weg da, ehe der Kerl dich noch völlig zuscheißt!”

Ein Mann soll vor all seinen Arbeitskollegen einen Vortrag halten. Schon Tage zuvor hat er seine Rede immer wieder zu Hause geprobt. Endlich ist es so weit. Alle Augen richten sich gespannt auf ihn. Schweißnass und zitternd beginnt er: „Unvorbereitet wie ich bin… …ähhh… unvorbereitet wie ich bin… …ähhh…” Da ruft seine Frau: „Aber Werner! Zu Hause hattest du es doch noch soooo gut gekonnt!”

Angebote von Lebenslust jetzt! zur Befreiung aus der Beschämungsfalle

Nicht jeder, der mit Scham und Beschämung Schwierigkeiten hat, braucht eine persönliche Beratung Psychotherapie! Es geht viel einfacher:
Lesen Sie meinen Beitrag über die Emotionale Kompetenz und Gewaltfreie Kommunikation. Darin beschreibe ich, wie ich mein eigenes Verfahren entwickelt habe, das ich „Würdezentrierte Kommunikation” nenne. Oder besuchen Sie meinen Kurs »Würdezentrierte Kommunikation«  – (Der findet allerdings nur statt, wenn mich jemand mit der Durchführung beauftragt.)

Sie möchten mehr erfahren über Scham, Beschämung und das Abwehrmittel Humor und Lachen? Dann lesen Sie das Buch von Dr. Michael Titze: Die heilende Kraft des Lachens.