…so heißt der Titel eines Beitrags im Online-Magazin Rubikon, der mich sehr berührt hat. Der Herausgeber des Magazin Rubikon offenbart darin, dass er unter den Folgen eines Entwicklungstrauma leidet, das im Wesentlichen von seiner Mutter verursacht wurde und dass das staatliche Gersundheits- und Sozialwesen bei einer solchen Problematik völlig versagt.
Mich hat dieser Beitrag auch deshalb so stark berührt, weil ich ebenfalls durch meine Eltern und ihre rigiden Erziehungsmethoden ein Entwicklungstrauma erlitten habe. Auch ich habe erst sehr spät erkannt, dass dies die richtige Diagnose ist. Aber ich habe das Glück gehabt, durch konsequente eigene Therapie aber auch durch meine Spezial-Ausbildung zum Traumatherapeuten (speziell Entwicklungstrauma) die meisten Folgen überwinden zu können. In meiner Praxis arbeite ich mit der NARM-Methode (Neuro-affektives Beziehungsmodell) von Laurence Heller.

Die Sehnsucht nach Leben

von Jens Wernicke

Als er 11 Jahre alt war, kam die Frau, die er Mutter nannte, überraschend des Nachts in sein Zimmer und sprach, die Stimme unverhohlen mit Hass erfüllt: „Vater ist tot. Er ist tot, weil du immer so ein böser Junge warst. Und er kehrt nie mehr zurück.“ Die Tür schloss sich, als die Mutter ging, und für ihn erlosch in diesem Moment nicht nur erneut das Licht in seinem Kinderzimmer, sondern zugleich auch das Licht der Sterne. Sein Universum verfinsterte sich und ein gewichtiger Teil seiner Seele starb seinem Vater nach. Für viele Monate, vielleicht Jahre, verlor er das letzte bisschen seiner Fähigkeit, zu lachen oder zu weinen. Dabei war der Vater, von dem diese Frau sprach, erst vor wenigen Jahren in sein Leben getreten und hatte ihn schließlich mit seiner Zustimmung adoptiert. In einer Welt voller Angst und Wahnsinn war er für kurze Zeit der einzig sichere Hafen für diesen Jungen gewesen. Etwas, das er bis dahin gar nicht gekannt hatte, und nach dem er den Rest seines Lebens auf der Suche sein würde.

Das, liebe Leserinnen und Leser, sind nur einige wenige Sekunden aus dem Leben eines Kindes, das über eineinhalb Jahrzehnte kaum etwas anderes als Vernachlässigung, seelische Grausamkeit und emotionale Gewalt erlebte, niemals sicher, wirklich gebunden oder in seinem So-Sein bestätigt worden ist.

Großgezogen von einer Mutter, die jederzeit und von einer Sekunde zur anderen zu einem Monster werden konnte, das vor Hass überlief, ihn bedrohte, ihn vernichten wollte und ihm in diesen Momenten jede Lebensberechtigung absprach.

Egal, was er tat: Erreichen konnte er sie nie. Egal, wie sehr er sich auch bemühte und um ihre Liebe rang: Niemals wurde es sicher. Das Leben bestand aus einer endlosen Wiederholung der bedrohlichen Gewissheit: „Der Mensch, den ich liebe und den ich so dringend brauche, tötet mich jetzt. Tötet mich, wenn ich auch nur andeutungsweise meiner Bedürftigkeit, Haltlosigkeit, Sehnsucht oder Not Ausdruck verleihe. Ich darf nicht sein, was ich bin“.

„Das Schlimmste war nicht die Vernachlässigung, der emotionale Missbrauch oder die alltägliche Grausamkeit“, sollte er später sagen. „Das Schlimmste war, dass sie mich nie geliebt haben.“

Der Junge sollte ein brüchiges, aber sehr intensives und bewegtes Leben führen. Immer wieder zurückgeworfen von schweren Schicksalsschlägen sowie beständig wiederkehrenden und immer schwerer werdenden Depressionen.

Der Junge sollte auf der Suche nach sich selbst und den verlorenen Teilen seiner Seele Antworten bei Rainer-Maria Rilke, Erich Fromm, Arno Gruen und Erich Fried finden. Und er würde es mit Marianne Williamson halten, die einmal sinngemäß schrieb:

„Eine Wahl haben wir immer in unserem Leben: Zumindest anderen das zu geben, was wir selbst niemals hatten — und hierdurch unser Schicksal und Leiden zu transzendieren.“

Der Junge engagierte sich politisch, schrieb Gedichte, Artikel und Bücher und hatte, obwohl Arbeiterkind und „bildungsfern“, zunehmend Erfolg. Dennoch fiel ihm das Leben immer schwerer und schwerer und war von Jahr zu Jahr immer weniger bewältigbar.

Und eines Tages, da war er Ende Dreißig, stellte er fest, dass er seit vielen Jahren nicht mehr hatte lachen oder weinen können, ihn nichts mehr wirklich berührte. Was er auch tat, kein wirkliches Gefühl erreichte mehr sein Herz. Er war „innerlich gestorben“ und hatte es gar nicht bemerkt.

Nachdem das Gesundheitssystem ihn jahrelang als Simulanten abgetan hatte und er bereits einige Jahre zuvor in die Einkommensarmut abgerutscht war, überschlugen sich die Dinge schließlich im Jahr 2018, bis er eines Tages in seiner Wohnung gefunden wurde, handlungsunfähig und fast verhungert, da er nichts mehr gegessen und von all dem nichts mehr mitbekommen hatte.

Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er seit sehr vielen Monaten vor Angst und Hilflosigkeit seine Wohnung kaum mehr hatte verlassen können, sozial inzwischen vollkommen isoliert lebte und gerade dabei war, zu sterben, ganz real. Da erschrak er zutiefst. Nein, noch war er nicht bereit dafür. Nicht so. Und nicht hier und nicht jetzt.

Zu diesem Zeitpunkt erwachte irgendetwas in ihm, diesem erwachsenen Jungen und gebrochenen Mann. Sein Inneres sortierte sich neu und etwas in ihm stand auf und sprach zu ihm:

„Du hast Dein Leben lang gekämpft, immer für andere und eine bessere Welt. Nun ist es an der Zeit, dass Du all das, was Du Dir aus Sehnsucht nach Leben zu eigen gemacht hast, wirklich zu Dir nimmst, aufstehst und all Deine Fähigkeiten dazu verwendest, endlich den einen zu retten, um den es wirklich geht: Dich. Denn das vermagst Du inzwischen, hast es nur nie wirklich und mit voller Bewusstheit für Dich selber getan.“

Der kleine Teil seiner Seele, in dem stets ein helles Licht gebrannt hatte, und der durch all das Leid nicht hatte verletzt werden können, sondern seit Jahrzehnten nach Leben gehungert und nur auf den Moment gewartet hatte, dass in der Entscheidung zwischen Leben und Tod eines Tages endlich seine Weisheit gefragt sein würde — dieser Teil zettelte für kurze Zeit eine „Palastrevolution“ an und gab allen anderen, zumeist orientierungs- und hoffnungslosen inneren Anteilen die Richtung vor.

Der Mann, inzwischen mehr tot als lebendig, dachte über sein bisheriges Leben nach, zog seine Schlüsse und anschließend die Konsequenzen hieraus.

Wenige Monate nach seinem Zusammenbruch wurde ihm aus dem Stand heraus Pflegegrad 3 zugesprochen und testierte ihm die Rentenversicherung, für die er die letzten 5 Jahre als Simulant gegolten hatte, dass er so schwer traumatisiert sei, dass längst keinerlei Hoffnung mehr auf Besserung bestünde, sodass er kein Recht auf Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation mehr hätte.

Er übergab die Zeitung, die er knapp zwei Jahre zuvor gegründet hatte, seinem Team, das für ihn längst zu Freunden herangereift war.

Er entschied, dass er über 20 Jahre hinweg in sogenannten Therapien meist mehr übersehen und beschädigt denn der Heilung nähergebracht worden war, dass wirkliche Hilfe jedoch möglich und irgendwo zu finden sein müsse.

Und er entschied, lieber zu sterben als in eine psychiatrische Einrichtung zu gehen, da er Menschen kannte, die nach einer Jahrzehnte währenden Odyssee durch eben solche Institutionen kein Stück heiler, sondern nur immer weiter beschädigt worden waren.

Und er entschied, endlich konsequent mit den Konzepten von Reha und psychosomatischen Kliniken zu brechen, die ihn der Lösung seiner Probleme niemals nähergebracht hatten, und mit denen schwersten seelischen Verletzungen auch nach aktuellem Stand der Forschung eines ganz sicher nicht, nämlich beizukommen war.

Stattdessen recherchierte er nach Möglichkeiten wirklicher, das heißt, hochspezialisierter Traumatherapie im Land. Er berief sich auf die Forschungen von Bessel van der Kolk und insistierte auf die Tatsache, dass Deutschland, was schwere seelische Wunden angehe, in weit überwiegenden Teilen seines Gesundheitssystems nach wie vor in einem dunklen Zeitalter der Vergangenheit verharrt.

Er erhielt mehrere professorale Gutachten, die ihm sowohl eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung — die Symptome ähneln denen von KZ-Überlebenden — als auch eine schwere dissoziative Störung testierten, und stellte fest, dass die wenigen Kliniken, die in diesem Bereich überhaupt glaubwürdig gute Arbeit leisteten, allesamt in privater Hand und damit für ihn eigentlich unerreichbar waren.

An dieser Stelle, liebe Leserinnen und Leser, endet diese Geschichte vorerst für Sie. Für mich jedoch nicht, denn ich … war dieser Junge und bin dieser Mann.

Und weil es etwas in mir gibt, das ich selbst bisher kaum kenne, das aber so unbedingt leben will, so unglaubliche Sehnsucht nach dem Leben, wirklichem Leben, nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit hat, dass es trotz allem und trotz der Tatsache, dass ich mich dem Tode inzwischen oft näher als dem Leben fühle, nun dennoch aufsteht und nach vorne geht, etwas, das entschieden hat, dass es dem Wortsinne nach alles tun und jede noch so große Angst und schmerzhafte Konsequenz in Kauf nehmen wird, um mein Leben zu retten, beginnt diese Geschichte nun erst für mich.

Ich brauche Hilfe. Und insistiere hierauf. Wirkliche, qualifizierte Hilfe. Nicht wieder schwarze Pädagogik. Und nicht wieder dummes Geschwätz von wegen „Man könne ja, wenn man nur wolle — und jeder sei schließlich seines eigenen Glückes Schmied“.

Was aber ist die Realität? Da gibt es ganz real unüberwindbar erscheinende Hürden, unbezahlbar erscheinende Kosten, unmöglich allein tragbare Risiken, ein kafkaeskes Gesundheitssystem, ein kollektives Stockholm-Syndrom und eine Gesellschaft, die nach wie vor täglich sich selbst und ihre Kinder traumatisiert, all dies jedoch nicht sieht und wahrhaben will, sondern verdrängt.

All dies werden Teile meines Weges, werden Kapitel in dieser, meiner nun beginnenden Geschichte sein. Acht Leben habe ich in den vergangenen einundvierzig Jahren gelebt, wie ich inzwischen zu Freunden sage, ein letztes und neuntes verleibt mir jedoch noch. Und ich will es ergreifen, so gut ich es vermag, damit es anders wird und vielleicht ja die Summe der acht Leben zuvor.

Doch sind die Unwägbarkeiten bereits jetzt, nach einigen Monaten des Weges, so groß, dass mir klar geworden ist, wie recht Rio Reiser doch hatte, als er sang: „Allein machen sie dich ein!“. Ich brauche daher Ihre Solidarität — und bitte hiermit darum. Helfen Sie mir, mir selbst und damit stellvertretend anderen zu helfen, denn den Weg, den ich gehe, den gehe ich für alle anderen Betroffenen mit.

Im Moment stehen, wenn ich recht erinnere, bereits 7 sozialgerichtliche Verfahren ins Haus — Rechtsstreite, deren Ausgänge jeweils ungewiss sind und vielleicht Jahre auf sich warten lassen, während die Rechnungen für die notwendigen Behandlungen, von meinem Anwalt selbst ganz zu schweigen, bereits jetzt oder doch sehr bald schon zur Zahlung fällig sind, wobei allein die stationäre Behandlung mit einer Zuzahlung von bis zu 30.000 Euro zu Buche schlagen wird.

Ich habe meine Schlachten geschlagen. Und bin des Kämpfens so endlos müde. Doch diesen letzten „Tanz mit dem Wahnsinn“ will ich noch wagen. Um des Silberstreifs am Horizont willen, dem ich mit meinem Mut und meiner Entschlossenheit vielleicht ein wenig Leuchtkraft hinzuzufügen vermag — auf dass ich selbst womöglich den Weg ins Leben zurückfinde, auf jeden Fall aber der Himmel nach mir und dann für andere hoffnungsfrohere und lebensbejahendere Farben trägt.

Es ist mir peinlich. Ich schäme mich. Und ich will weder Mitleid noch Almosen. Doch vielleicht mögen Sie statt an der Börse ja bei mir eine „Wette“ platzieren: Eine Wette darauf, dass ich vielleicht doch noch, eines Tages, in diesem, meinem nunmehr neunten und letzten Leben, das seit meiner Kindheit nicht mehr so bedroht war wie in diesem Moment, der Welt etwas zu geben, vielleicht eines Tages doch noch ein Buch zu schreiben oder meinen Mitmenschen auf andere Weise Mut und Hilfe zu schenken vermag.

Wenn Sie auf diese Zukunft „wetten“ und sie damit wahrscheinlicher machen mögen, steht es Ihnen frei, hier eine kleine Zuwendung für mich zu hinterlegen und mich darin zu bestärken, Mut und Zuversicht nicht zu verlieren — auch wenn die Gesamtlage in vielerlei Hinsicht vorgibt, vor allem eines zu sein, nämlich aussichtslos: www.paypal.me/JensWernicke — oder alternativ hier: DE68 5509 0500 0116 4906 38.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schrieb einmal Friedrich Hölderlin. Und Rainer-Maria Rilke, dessen Weisheit mir seit Jugendtagen ein treuer Begleiter ist, übermittelte an einen Freund:

„Wie sollten wir jener alten Mythen vergessen können, die am Anfange aller Völker stehen, der Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“

Möge sich dies bewahrheiten — für Sie, für mich, für jeden von uns.

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