Die Diagnose ADHS oder ADS ist meiner Ansicht nach ein Paradebeispiel für eine in der ICD-10 (=Internationaler Katalog aller Krankheiten) völlig oberflächlich beschriebenen Symptomatik. Sie ist derart unpräzise formuliert, dass auch „ganz normale“ Kinder die Diagnose ADS oder ADHS oder „Hyperaktivität” erhalten können. Zudem existieren zig Erklärungsversuche und Therapie-Ansätze für AD(H)S: Es soll genetisch bedingt sein, die Neurotransmitter / Botenstoffe sollen aus der Balance sein, es solll nur eine Verhaltensproblematik sein usw. — Aber was und wem soll man denn nun glauben?

Seit Neuestem ist ein Trend entstanden, dass ADS / ADHS zunehmend differenzierter betrachtet wird: So wird im „Deutschen Ärzteblatt” über eine Studie des Lehrstuhls für Entrepreneurship der Technischen Universität München (TUM) berichtet. Demnach sind ADHS-Symptome durchaus geeignet, unternehmerischen Erfolg zu verstärken. Die Arbeit ist in der Zeitschrift Journal of Business Venturing Insights erschienen (2016; doi: 10.1016/j.jbvi.2016.07.001). — Es gibt also Vorteile, wenn man ADHS hat?

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Zunächst offenbare ich Ihnen, warum ich glaube, in Sachen ADS / ADHS kompetent zu sein:

  1. Im Rückblick auf meine eigene Kindheit und Jugend besteht der starke Verdacht, dass mir damals in 1957 (hätte es die Diagnose schon gegeben), ADHS diagnostiziert worden wäre.
    Im Zuge meiner eigenen, tiefgehenden Psychotherapie habe ich mich mit größter Sorgfalt meiner Kindheit und Jugend gewidmet, um zu verstehen, was in mir vorging und welche Auswirkungen dies für mein weiteres Leben gehabt hat. Hierdurch entstand auch tiefes Verständnis für die Erlebniswelt eines Kindes, dem heutzutage wahrscheinlich ADS / ADHS zugeschrieben würde.
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  2. Im Rahmen meiner Aus- und Weiterbildung habe ich die Aussagen des Gehirnforschers Gerald Hüther und das therapeutische Verständnis der Kreativ-Therapie nach Udo Baer sowie der Schematherapie überprüft in Bezug auf die Besonderheiten, die Menschen mit AD(H)S nachgesagt werden.
    Ich verglich diese Therapieansätze mit meinen eigenen biografischen Erfahrungen und habe mich hinein versetzt in meine Erlebniswelt als Kind und Jugendlicher mit der Frage: Hätte ich diese therapeutischen Ansätze damals als hilfreich empfunden? Hätte ich mich von einem Therapeuten damals als Mensch angenommen und respektiert gefühlt, so wie ich war? – Ich arbeite grundsätzlich nur mit Methoden, von denen ich annehme, dass sie mir damals wirklich weiter geholfen hätten!
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  3. Ich habe in ADS- / ADHS-Internetforen mitgelesen und habe mich an einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit ADS / ADHS beteiligt, um heraus zu finden, welche anderen Verhaltensauffälligkeiten häufig vorkommen, die ich damals bei mir nicht erlebt habe. Und ich wollte wissen, welche Therapieansätze anderen Menschen wirklich geholfen haben.
    Durch diese Informationen konnte ich prüfen, ob meine Sichtweise auf das Phänomen ADS / ADHS einseitig verfälscht ist oder ergänzungsbedürftig ist. Einige Korrekturen und Ergänzungen konnte ich so an meinen Ansichten und Therapie-Ansätzen vornehmen.

Grundsätzlich sehe ich meine Ansichten und Therapie-Ansätze nur als Moment-Aufnahme einer ständigen Entwicklung. Meine Klienten selbst, aber auch Neuerscheinungen von Fachliteratur sind die Quelle für meine Weiterbildung und Weiter-Entwicklung meiner Therapie-Angebote.

Was ist eigentlich ADS / ADHS wirklich?

Die heutzutage übliche Diagnostik von AD(H)S

Wie in der Einleitung gesagt, ist die Diagnostik gemäß der Symptombeschreibungen der ICD-10 völlig unzureichend und viel zu wenig trennscharf hinsichtlich dessen, was als „noch normal” und was als „gestört” = AD(H)S gelten soll. Daher verzeichnen wir in den letzten Jahren einen extremen Anstieg dieser Diagnosen, der nicht real begründbar erscheint.
Meiner Ansicht nach entsteht diese extreme Zunahme, weil sich in einer übertrieben leistungsbezogenen und perfektionistisch ausgerichteten Gesellschaft die Eltern um die Zukunft ihres Kindes mehr Sorgen machen als in früheren Zeiten. Die Eltern sorgen sich, weil ihr Kind zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule in irgend einer Weise „störend auffällig” geworden ist. Aber seit wann ist schon derjenige, der „sozial irgendwie stört”, als „krank” oder „gestört” zu diagnostizieren? Eher ist ein Gesellschaftssystem als gestört oder krank zu bezeichnen, das die Individualität des Menschen einschränken und durch eine „Normalität” im Sinne von Norm und Vorgaben reglementieren will. Menschen sind keine genormten Maschinen, sondern individuell!

Normen und enge Toleranzen sind im Rahmen der Industrialisierung immer wichtiger geworden, damit komplexe Technik zuverlässig funktioniert. Auch der Rahmen dessen, was gesellschaftlich als „sozial akzeptiert” angesehen wird, scheint mir ständig enger geworden zu sein (und nicht erst seit „Knigge”).
Außerdem: Je mehr Angst man vor Freiheit hat, desto mehr wählt man die Sicherheit, die dann durch Normen, Regeln und Gesetze sowie die Exekutive geschaffen und durchgesetzt werden soll. Normalität steht dann gleichbedeutend mit Sicherheit und Zuverlässigkeit – aber dem Verlust von Entfaltungs-Freiraum. Diese Logik endet in ihrer extremen Form im Faschismus!

Aber hier geht es nicht um Normen und Sicherheit, sondern um die Freiheit des Menschen, so sein zu dürfen, wie es seinem Temperament entspricht, die Vielfalt der Individualität! Das Festlegen von „Normalität” in Abgrenzung zu „psychischer Störung”  verletzt meiner Ansicht nach die Würde des Menschen!

Die bei der Diagnose AD(H)S auf die Symptome bzw. die Verhaltens-Auffälligkeit fokussierte Sichtweise blendet leider die Ursachen für die Symptomatik aus. Das Symptom stört, also muss es weg, damit „das arme Kind” wieder „normal” wird. Diese primitive Logik hat mit Sicherheit zu der extremen Zunahme der Ritalin / Medikinet-Verordnungen beigetragen.

Die ADS- / ADHS-Symptomatik betrifft immer die Interaktion einer Gruppe von Menschen

In meinen folgenden Ausführungen wird deutlich, dass man eigentlich streng unterscheiden müsste zwischen einerseits den Besonderheiten, die ein Kind sozusagen aus sich selbst heraus mit auf die Welt bringt und die folglich zu seiner ursprünglichen Persönlichkeit gehören und andererseits den Symptomen, die erst im weiteren Heranwachsen unter dem Einfluss der Bezugspersonen und der gesellschaftlichen Normvorgaben entstehen.
Ich vertrete die Meinung, dass kein Kind „mit AD(H)S auf die Welt” kommt, sondern die in der ICD-10 beschriebene Symptomatik erst in der Wechselwirkung zwischen dem Kind (dessen Temperament) und seiner Umgebung entsteht. Folglich beschreibt die AD(H)S-Symptomatik ein Zusammenwirken vieler Beteiligten, eine Art „destruktives Gesellschaftsspiel” zu Lasten aller Beteiligten, bei dem aber die Diagnose und damit die Last dem Kind zugeschoben wird und so alle anderen entlastet werden!
Da die ICD-10 bei psychischen Schwierigkieten aber fast immer die Ursachen und die Entstehung von psychischen Symptomen außer Acht lässt, ist die dort beschriebene AD(H)S-Diagnostik schlichtweg falsch!

Schon die Unterscheidung, dass es in der Form des ADS ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ohne Hyperaktivität geben soll (die „Träumerle”) und eines als ADHS in der Variante mit Hyperaktivität, kann als Indiz dafür gewertet werden, dass hier von den Betroffenen zwei verschiedene Bewältigungsstrategien benutzt werden, um die gleiche Problematik und die gleichen Ursachen besser handhaben zu können und eigenes Leid zu verringern oder weniger spüren zu müssen. – Weiter unten sage ich zum Thema „Bewältigungsstrategie” mehr.

Behauptung: AD(H)S ist genetisch bedingt bzw. vererbt

Die Befürworter dieser These meinen, dass bei Kindern mit AD(H)S auffällig oft ein Elternteil oder ein näherer Verwandter bereits AD(H)S hat und daher die genetische Komponente als gesichert angesehen werden kann. Gleichzeitig bedeutet diese Erklärung aber auch, dass AD(H)S körperlich bedingt sei und daher durch körperliche Therapie = Medikamente therapierbar sei.

Viele Ärzte und Psychiater denken in dieser Weise, weil dies traditionell so in Lehrbüchern steht und weil Psychiater aus historischen Gründen der Entwicklung ihres Berufsbild dazu neigen, sich auf körperliche Ursachen zu fokussieren. Zudem erscheint ein „körperlicher Defekt” naturgemäß einfacher therapierbar (nämlich mediakmentös). Und schließlich ist ein „genetisch / körperlicher Defekt” gesellschaftlich akzeptabler, als ein psychisches Problem. Denn für solch einen „Defekt” kann man ja nichts und ist so ein wenig  „entschuldigt” und „entlastet”.

Das ist sicher mit ein Grund, warum die „Therapie von AD(H)S” mit Psychopharmaka bevorzugt wird. Es ist eine „schnelle, billige Lösung”. Psychotherapie ist demgegenüber aufwändiger und muss von allen an der AD(H)S-Symptomatik eines Kindes Beteiligten mit getragen werden. Und auch dieser Zusammenhang veranlasst mich zu der Äußerung, dass sich alle Bezugspersonen des Kindes zu Lasten des Kindes durch Medikamente entlasten!

Meine Sichtweise: Kinder lernen von ihren Eltern bzw. ihren wichtigsten Bezugspersonen und entwickeln sich in der Art ihrer Beziehungsgestaltung, ihren sozialen Fähigkeiten und allen weiteren Dingen gemäß ihrer Vorbilder. Auf diese Weise werden oft Erziehungsstile, Beziehungs- und Sozialverhalten sowie Erwartungshaltungen zu sich selbst und der Umwelt von Generation zu Generation weiter gegeben – oft sogar unbewusst.
Wer mit der Genetik als Haupt-Einflussgröße argumentiert, vernachlässigt diesen Einfluss. Zudem: Wer kann denn genau unterscheiden, was genetisch bedingt weiter gegeben worden ist und was durch die Erlebnisse mit den Bezugspersonen weiter gegeben wird?

Behauptung: AD(H)S ist eine zu akzeptierende Auffälligkeit

Alle Menschen haben Ausprägungen in ihrem Temperament. Menschen mit AD(H)S haben besonders stark ausgeprägte Merkmale im Temperament und geraten schnell in Schwierigkeiten, wenn soziale Normen und Regeln sowie bestimmte Verhaltensweisen eingehalten werden sollen.
Manchmal liest man, dass die anderen Menschen daher die Besonderheiten von Menschen mit AD(H)S anerkennen und tolerieren sollten, weil sie zum Spektrum natürlicher Äußerungen eines Menschen gehören würden. Und dabei weist man gern darauf hin, dass AD(H)S-Betroffene oftmals besondere Fähigkeiten hätten (z.B. die Fähigkeit zum „Hyperfokus” oder eine besonders hohe Creativität / Intelligenz).

Meine Sichtweise: Dieser Ansatz ist für mich schon sinnvoller. Er erklärt aber in viel zu geringem Ausmaß das extrem introvertierte oder das extrem impulsiv-unkontrollierte, extravertierte Verhalten von Menschen mit AD(H)S. Daher kann hieraus für sich allein kein therapeutischer Ansatz abgeleitet werden. Statt dessen benötigt ein kleiner Mensch mit diesem besonderen Temperament von kleinauf eine besondere Anleitung, wie er mit sich selbst und seinem Temperament umgehen und sein Sozialverhalten konstruktiv gestalten kann.

Behauptung: ADS / ADHS ist eine Störung des Sozialverhaltens und des Umgangs mit sich selbst

Mit diesem Ansatz müsste ADS / ADHS durch eine Verhaltenstherapie gut auflösbar sein. Tatsache ist aber, dass eine einfache Verhaltenstherapie wenig Wirkung zeigt. Zudem konzentriert sich diese Therapie auf den (kleinen) Menschen, dem man AD(H)S diagnostiziert hat und berücksichtigt oftmals nicht den Einfluss der Bezugspersonen und des sozialen Umfelds.

Meine Sichtweise: Damit wird die gesamte Problematik auf den „Betroffenen” abgewälzt. Für die Bezugspersonen und andere Menschen (z.B. Kollegen am Arbeitsplatz oder den Partner) ist dies eine bequeme Lösung. Diese Sichtweise wird unterstützt durch die „medikamentöse Therapie”, durch die der „Betroffene” sichtbar zum „Problemfall” abgestempelt wird.

Durch Äußerungen von Jugendlichen, denen man im Kindesalter ADS / ADHS diagnostiziert hatte und aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen weiß ich, dass die Etikettierung durch diese Diagnose und die damit ausgelöste Befürchtung: „Hoffentlich sehen mir die anderen nicht an, dass ich nicht normal bin!”, meistens mehr Schaden anrichtet, als die Auffälligkeiten und Symptome, die zu dieser Diagnose geführt haben!

AD(H)S in meiner Sichtweise

  1. Genetisch: Ob AD(H)S genetisch bedingt ist, halte ich für irrelevant und rein spekulativ, solange nicht ein konkreter Nachweis dafür existiert und zudem eine genetisch fokussierte Therapie dafür entwickelt worden ist. Bis heute wurde jedenfalls kein wissenschaftlich eindeutiger Nachweis erbracht!
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  2. Temperament und Lust-orientierung: Dass AD(H)S eine besondere Ausprägung des menschlichen Temperaments ist, ist für mich eine Tatsache. Alle Menschen haben individuelle Ausprägungen in ihrem Temperament.
    Eines haben aber alle Menschen gleich: Sie sind lust-orientiert! Jeder natürliche Antrieb, irgend etwas zu tun, beruht auf Lust. Es ist die Lust an der Selbstwirksamkeit, an der Fähigkeit, eigenständig aus sich selbst heraus gestalten zu können. – Diese Idee gerät allerdings in unserer derzeitigen Gesellschaft im Alltagsleben leider meist in Vergessenheit. Mehr zum Thema Lust erfahren Sie in den Büchern von Professor Gerald Hüther (oder von mir in Beratung / Therapie)
  3. Wie es zur Hyperaktivität kommt: Menschen mit AD(H)S haben eine besonders stark ausgeprägte Lust-Orientierung. Diese Lust-Orientierung trifft auf die Reizüberflutung, die heutzutage leider üblich ist. Jeder Reiz stimuliert nun Lustgefühle und fordert so Aufmerksamkeit. Darauf reagiert der Mensch z.B. mit Zustimmung, indem er allen aktuellen Stimulierungen folgt und folgen will – einfach weil es Spaß macht. Und ihm fehlt die Anleitung, das so entstehende Übermaß selbst aus eigener Kraft zu regulieren und sich vor Reizüberflutung zu schützen. Viele Eltern kennen diesen Effekt, wenn ein Kind in völlig übermüdetem Zustand dennoch darauf besteht, sein Spiel fortsetzen zu dürfen, statt ins Bett zu gehen.
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  4. Wie es zum „Träumerle-Effekt” kommt: Es kann aber auch eine gegenteilige Reaktion erfolgen: Die Reizüberflutung und die fortwährende Stimulation wirken so heftig, dass sich der Mensch davor schützen möchte. Wenn er keine Anleitung erhält, wie er sich im Sinne einer konstruktiven Problemlösung schützen kann, entstehen hoch-creative kindliche Bewältigungsstrategien. Und eine nahe liegende ist, sich aus der als überflutend wahrgenommenen Realität in eine Traumwelt zu flüchten, die somit für den Betroffenen kontrollierbar und in der Reizintensität regulierbar erscheint. Zudem ist diese Traumwelt völlig frei und grenzenlos gestaltbar, was eine scheinbare Selbstwirksamkeit und den damit verbundenen Lustgewinn steigert. Zusätzlich kann sich der (kleine) Mensch so den Versuchen anderer entziehen, die ermahnend oder auch rigide auf ihn einwirken wollen, um eine Verhaltensänderung zu bewirken.
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  5. Evolutionärer Anpassungsversuch: Die AD(H)S-Symptomatik ist Ausdruck eines natürlichen, evolutionär bedingten Anpassungs- und Bewältigungsversuchs des Menschen an die sich rasant verändernden Lebensbedingungen. Hirnforscher haben nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche immer filigranere Strukturen der Hände und Finger mit hoher Beweglichkeit und Geschicklichkeit entwickeln, weil dies für die Bedienung der Smartphones und anderer Geräte erforderlich ist.
    Genau so entwickelt sich auch unser Gehirn und passt sich lebenslang den Gegebenheiten den Anforderungen der Umgebungsbedingungen an! Wir leben nun mal in einer Zeit der totalen Reiz- und Informationsüberflutung. Und was ist durch die evolutionäre Entwicklung in allen Menschen als grundsätzliches Verhaltensmuster eingeprägt, wenn es um große Herausforderungen geht? – Kampf, Flucht oder Erstarrung.
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    Die evolutionäre Herausforderung unserer Zeit heißt: Totale Reizüberflutung. Und die kann schon im Mutterleib während der ersten neun Monate beginnen! Die Verhaltensweisen von Menschen, denen AD(H)S diagnostiziert wurde, lassen sich immer in diese drei Kategorien (Kampf, Flucht oder Erstarrung) einteilen.
    Beim Kampf herrscht innerliche Zerrissenheit (Ambivalenz) zwischen der Lust, die man empfindet, wenn ständig Neues und Interessantes erlebt wird und andererseits dem Bedürfnis, auch abschalten und sich den Reizen entziehen zu können. Zudem kämpft der Mensch gegen die Reaktionen seiner Umwelt und die Zuschreibung, dass mit ihm etwas nicht stimmen würde.
    So lässt sich auch ein zeitweilig oder dauerndes Aggressionspotenzial erklären. Die latente Aggressivität beruht zugleich aber auch auf dem Wunsch nach Abfuhr der hohen inneren Spannung.
    Bei der Flucht entsteht „das Träumerle”, der Mensch, der sich diesen vielen Reizen entzieht, indem er sich in Traumwelten verliert, in denen er sich wohl fühlt. Die Traumwelt schützt ihn vor der Reizüberflutung. In der Traumwelt kann er seine Kreativität und seine Aktivität selbst dosieren.
    Die Erstarrung heißt im übertragenen Sinne: „Sich Fügen”. Hier versucht der Mensch mit AD(H)S-Symptomatik, sich so gut wie möglich anzupassen, kann eventuell zwischen Hyperaktivität und Traumwelten wechseln. Er leidet aber darunter, dass seine Verhaltensweisen trotz aller Bemühungen nicht zu den Erfolgen führen, die andere Menschen mit seinen Fähigkeiten haben können. Zudem akzeptiert er die Diagnose AD(H)S und die damit verbundene Etikettierung, Stigmatisierung und die soziale Sonderrolle (einschließlich sozialer Ausgrenzung / Mobbing) im Sinne des „Sich Fügen” und der damit verbundenen Resignation.
    Diese Resignation kann in depressive Entwicklungen, in die „Selbstmedikation" durch Alkohol, Drogen, Abhängigkeits-Probleme usw. führen.
    Die drei Grundmuster Kampf, Flucht, Erstarrung werden im Rahmen der Schematherapie ausführlich bearbeitet. Dort helfen sie, die Bewältigungsstrategien der Menschen zu erklären, zu verstehen und durch konstruktive, flexible Strategien und die Fähigkeit zur Selbstregulation zu ersetzen.
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  6. Die Systemische Sichtweise: (bitte nicht verwechseln mit „Systemischer Therapie”!) Der Einfluss wohlmeinender Bezugspersonen auf einen Menschen, dessen Temperament ungewöhnliche Ausprägungen hat, ist meiner Ansicht nach meist sehr zerstörerisch. Erst durch diesen Einfluss entstehen die teils drastisch störenden Verhaltensauffälligkeiten:
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    Am Beispiel wird dies deutlich: Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Ihnen schon von jungen Lebensjahren an ein Etikett aufklebt, dass Sie „komisch” oder „anders” sind, als alle anderen Kinder und dass mit Ihnen etwas nicht stimmt??? — Die Folge wird sein, dass Ihre sämtlichen sozialen Beziehungen massiv leiden. Und Sie werden dadurch massiv und zutiefst gekränkt! Wie werden Sie auf diese ständige und von allen anderen auf Sie ausgeübte Kränkung reagieren? Werden Sie wütend sein und um sich schlagen? (Kampf) Oder werden Sie resignieren und sich in Traumwelten verstecken, wo die Welt noch heile ist? (Flucht) Oder werden Sie sich damit abfinden und sich sagen, dass die Erwachsenen schon recht haben werden in ihrem Urteil? (Erstarren / sich fügen) — Welches Bild werden Sie unter diesen Bedingungen von sich selbst als Persönlichkeit entwickeln? Was erwarten Sie von sich selbst und von Ihrer Zukunft unter derartigen Bedingungen?
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    Systemisch sehe ich als Therapeut hier die Eingebundenheit des Klienten (dem AD(H)S nachgesagt wurde) in eine massiv schädigende Wechselwirkung mit all seinen Bezugspersonen und seinen sozialen Verbindungen. Um einem Kind aus dieser katastrophal vernichtenden Falle heraus helfen zu können, müssen all diese Bezugspersonen aktiv in die Therapie mit einbezogen werden! Denn sonst bleibt ein sich ständig selbst verstärkender, sich aufschaukelnder Teufelskreislauf aufrecht erhalten – ein Teufelskreislauf der alle Beteiligten und am meisten das Kind / den Jugendlichen als den verletzlichsten schädigt..
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    Als „systemisch” sehe ich dabei auch, dass die Bezugspersonen überfordert waren und sind mit dem angemessenen Umgang mit einem Kind oder Jugendlichen, der ein solch ausgeprägtes Temperament hat. Es geht also bei den Bezugspersonen darum, ihnen sozusagen eine Anleitung an die Hand zu geben, wie sie künftig konstruktiv mit dem Kind / Jugendlichen umgehen können und es / ihn konstruktiv anleiten können, mit seinen Besonderheiten besser umgehen zu können.
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    Aus dieser Sicht finde ich es äußerst destruktiv, wenn Kinder und Jugendliche Medikamente verschrieben bekommen: Denn damit wird den Kindern und Jugendlichen die alleinige „Schuld” (als Problemverursacher) bzw. die alleinige Verantwortung aufgedrückt und das „Brandzeichen” AD(H)S noch tiefer und schmerzlicher gesetzt – und zugleich entlasten sich alle Bezugspersonen zu Lasten des Kindes / des Jugendlichen! Wegen dieser Entlastung sind diese Medikamente bei vielen Bezugspersonen so beliebt: Es ist die einfache, schnelle Lösung (zu Lasten des Kindes, des Jugendlichen).
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    Noch ein Punkt betreffend Medikamente: Kein einziges Medikament, das bei sozialen oder psychischen Problemen verordnet wird, verändert die Inhalte oder die Qualität der Gefühle, der Bedürfnisse oder die Denkinhalte eines Menschen, dem ADS / ADHS diagnostieziert wurde. Wer diese Medikamente einnimmt, lernt also nichts darüber, wie er eine neue, konstruktive Sichtweise gewinnen und neue Verhaltensweisen entdecken kann, die seinen Bedürfnissen gerecht werden!
    Das einzige, was er lernt ist: „Was wäre ich bloß ohne diese Medikamente! Da wäre ich womöglich gar nicht lebenstüchtig.” Das ist erlernte Hilflosigkeit! – Und so schädigt der „Psychopillen-Patient” sehr oft seinen Selbstwert, sein Selbstbewusstsein, seine Selbst-Stärke und vergrößert sein Leid, statt eine konstruktive Lösung für sich zu finden, in der er selbstwirksam ist.

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  7. Konkrete therapeutische Ansätze: Was also in einer AD(H)S-Therapie therapiert werden muss, ist nicht eine scheinbare oder tatsächliche „Besonderheit” in der Ausprägung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern in einem ersten Schritt die Milderung und Beseitigung der Schäden, die durch die Reaktionen der Bezugspersonen bzw. des sozialen Umfeld entstanden sind!
    In die weiteren Therapie-Schritte müssen bei Kindern und Jugendlichen auch die Bezugspersonen aktiv mit einbezogen werden, sofern diese noch zusammen mit dem Kind / Jugendlichen in dem verhängnisvollen Kreislauf gefangen sind.
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    Ich betrachte alle Symptome, die die ICD-10 den AD(H)S-Betroffenen zuschreibt, als auffällig gewordene, misslungene Bewältigungsversuche der „Betroffenen”, mit ihrer Situation besser umgehen zu können. Daher muss die Therapie dann in zweiter Linie dem Klienten helfen, konstruktive Bewältigungsmuster zu entwickeln, um mit den Besonderheiten der eigenen Persönlichkeit besser umgehen zu können.
    Hierzu gehört auch das Erlernen, mit den oft vorhandenen, besonderen Fähigkeiten optimal umgehen zu können. Es geht darum, diese Fähigkeiten kontrolliert, konstruktiv und nützlich einsetzen zu können statt sich von ihnen überwältigen oder beherrschen zu lassen.
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    Tatsächlich haben viele Menschen, denen ADS / ADHS zugeschrieben wurde, einige besondere Fähigkeiten wie z.B. die Fähigkeit zum Hyperfokus, eine gesteigerte Creativität mit großem Einfallsreichtum, erhöhte Sensibilität und Einfühlungsvermögen und einiges mehr. (Hyperfokus = die Fähigkeit, sich derart auf eine Sache zu konzentrieren, dass darüber alle anderen Wahrnehmungen und Reize ausgeblendet werden, eventuell sogar einschließlich der Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, Darmentleerung usw.)

Psychotherapie bei ADS / ADHS

Meine Therapie-Ansätze ähneln sehr stark denen, die auch bei der Therapie von sogenannten „Persönlichkeitsstörungen” eingesetzt werden. Denn derartige Persönlichkeits-Akzentuierungen entstehen meist auf die gleiche Weise: durch massive Kränkungen und auch Traumatisierungen in der Kindheit und Jugend. (Denken Sie bitte an das obige Beispiel betreffend der Auswirkungen einer diagnostischen Etikettierung!)

Die Schematherapie wurde ursprünglich entwickelt, um Menschen helfen zu können, die eine sehr ungünstige, leidvolle Kindheit oder Jugendzeit erlebt haben und dadurch stark beeinträchtigt wurden. Inzwischen wird sie auch bei vielen anderen psychischen Problemen mit hoher Effizienz und nachhaltiger Wirksamkeit eingesetzt.

Ich meine, dass die Schematherapie bei ADS / ADHS eine äußerst geeignete Therapieform ist. Ich arbeite mit Schematherapie seit vielen Jahren und habe damals als Patient meine eigenen damaligen Therapie-Erfolge der Schematherapie zu verdanken.
Zudem kann ich als Therapeut meine Fähigkeit zum Hyperfokus in den Therapiesitzungen geradezu ideal einsetzen: Alle Ablenkungen sind ausgeblendet und nur der Klient ist wichtig und das was ich vom Klienten wahrnehme. Ohne diese Fähigkeit wäre ich als Therapeut erheblich weniger leistungsfähig und effizient.

Bei ADS / ADHS begleite ich Menschen aller Altersgruppen, denn meine Therapieansätze sind unabhängig vom Alter einsetzbar. Natürlich passe ich den konkreten Arbeitsstil und die Vorgehensweisen an das Alter des Klienten an.

Die AD(H)S-Problematik lässt sich, wie alle psychischen Probleme, um so schneller therapieren, je weniger lang ein ungünstiger, leidvoller Zustand auf den Klienten eingewirkt hat. Es tröstet wenig, zu wissen, dass sich die AD(H)S-Auffälligkeiten oft im Erwachsenenalter mit der Zeit von selbst verringern. Das Leid aus der Kindheit und Jugendzeit prägt den Menschen und beeinträchtigt ihn in allen Lebensbereichen und nicht nur in denjenigen, die man mit ADS / ADHS in Verbindung bringen würde!

Das könnte Ihr nächster Schritt sein:

Vereinbaren Sie ein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch mit mir in meiner Praxis: Tel.: 0741 - 440 74 67 — Falls Sie den Anrufbeantworter erwischen, bitte ich Sie, eine Nachricht mit Ihrer Rufnummer zurück zu lassen und einen Terminwunsch anzugeben, wann ich Sie am besten telefonisch erreichen kann. Ich rufe schnellstmöglich zurück!
Terminvereinbarungen per eMail sind nicht möglich, da zu einer effizienten Terminvereinbarung ein persönlicher Dialog gehört.