Eine psychische Diagnose kann zwar zunächst eine Erleichterung sein, weil man nun endlich einen Begriff für das Leid hat. Das macht es leichter, über Schwierigkeiten zu sprechen, weil man anscheinend nur diesen Begriff zu nennen braucht. Und der Betroffene gewinnt den Eindruck, als wüsste er jetzt endlich, was ihm fehlt.
Aber zugleich ist mit einer psychische Diagnose oft auch eine Stigmatisierung verbunden, die den Betroffenen in soziale Schwierigkeiten, in Scham und in die Isolation treiben kann. Das Leid vervielfacht sich.

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Was ist eine Diagnose?

Das Wort stammt aus dem Griechischen: Dia = Unterscheidung / Entscheidung Gnosis = Erkenntnis, Urteil. Eine Diagnose unterscheidet also, ob etwas als „krank“ oder als „gesund“ anzusehen ist. Oder als „normal” oder „gestört”.
Um eine Diagnose stellen zu können, werden alle Symptome in ihrem Zusammenwirken betrachtet. Wer dabei sorgfältig vorgeht, berücksichtigt auch deren Entstehung.

Wie entsteht eine Diagnose?

Die „übliche” Art, eine Diagnose zu stellen:

Die in unserem Gesundheits- und Sozialsystem übliche Diagnostik stützt sich auf die ICD-10, ein Internationales Verzeichnis aller Krankheiten. Wenn bestimmte Symptome über einen bestimmten Zeitraum und in einer bestimmten Intensität auftreten, wird daraus geschlossen, dass eine bestimmte Krankheit oder Störung vorliegt.
Bei eindeutig körperlichen Krankheiten wie z.B. Diabetes, Parkinson, Multiple Sklerose, bei einem gebrochenen Bein, einem Herzinfarkt, bei einer Hirnschädigung durch Verletzung oder durch Einwirkung von Substanzen zeigen sich außer den Symptomen auch klar messbare Ursachen oder Schäden, sodass die Diagnose meist relativ einfach ist.

Bei psychischen Problemen soll nun die gleiche Methodik angewendet werden, wie bei rein körperlichen Krankheiten. Das halte ich für höchst problematisch. Denn ein katalogmäßiges Erfassen und Systematisieren ist in der Forschung und Wissenschaft sicher sinnvoll und erleichtert auch das Abrechnungswesen der Sozialversicherungen. Aber im Bereich der Psyche eines Menschen und als Grundlage für Therapie-Entscheidungen halte ich eine mechanistisch starre „Checklisten-Systematik” einer Diagnostik als nicht angemessen und die Würde verletzend.

Drei Gründe, warum die „übliche” Diagnostik bei psychischen Problemen die Menschenwürde angreift:

  1. Die Kategorisierung nach psychischen Symptomen ähnelt eher der Fehlersuche an einer Maschine oder Computer. Es ist ein mechanistisches Vorgehen (wie oben beschrieben). Mitgefühl hat dabei keinen Platz. Zudem lassen sich verschiedene psychische Probleme nicht trennscharf voneinander abgrenzen. (z.B. Wer unter depressiver Stimmung leidet, wird sicher auch Ängste oder Schlafstörungen haben.) Daher wird es dem Menschen nicht gerecht.
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  2. Zahlreiche Symptome aus dem Teil der ICD-10, der psychische Probleme beschreibt, können auch im normalen Lebensalltag auftreten und sind daher oftmals nicht trennscharf genug, um „normal” von „gestört” oder „krank” unterscheiden zu können. (Ab welcher Grenze kann ein Kind mit dem Etikett ADHS beklebt werden?)
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  3. Nur bei wenigen psychischen Kategorien in der ICD-10 werden die Ursachen oder die Umgebungsbedingungen ausreichend berücksichtigt. Eine Diagnostik, die nicht die Ursachen, sondern nur die Wirkungen (Symptome) berücksichtigt, taugt nicht mal zur Fehlersuche an Maschinen oder Computern. Und erst Recht nicht zur Anwendung am Menschen!

Eine andere Sichtweise erlaubt eine menschenwürdige Diagnostik:

Eine alternative Sichtweise vermeidet die vorbeschriebenen Nachteile und wird dem Menschen und seiner Würde sowie dem Mitfühlen mit ihm gerecht:
Eine „verstehende Diagnostik“ versucht das Verhalten und das Sosein eines Menschen aus seiner Geschichte heraus als sinnvolle, kompetente und creative Entwicklung unter den jeweiligen Bedingungen zu begreifen. Aus dieser Sichtweise sind Symptome, Besonderheiten und Auffälligkeiten eines Menschen in seinem Denken, Fühlen und Verhalten niemals Ausdruck einer Krankheit, Störung oder Behinderung!
Sie sind sichtbar gewordene Lösungsversuche und Bewältigungsstrategien, die der Mensch anwendet, um sein Leid zu verringern oder zu vermeiden sowie eine soziale Situation konstruktiv lösen zu können! Das erscheint paradox, denn gerade die auffällig gewordenen Symptome (z.B. Schlafstörungen, Ängste, ständige Konflikte mit anderen Menschen) scheinen das Leid doch zu verursachen.

Zwei Beispiele lösen den scheinbaren Widerspruch auf

Beispiel 1: Wenn jemand Nägel in die Wand schlagen soll, ihm aber als Werkzeug nur eine große Zange zur Verfügung steht und er einen Hammer nicht kennt, wird er versuchen, den Nagel mit der Zange in die Wand zu schlagen und meistens scheitern. Er sieht zugleich, dass andere Menschen sehr erfolgreich mit dem Einschlagen von Nägeln sind, begreift aber aufgrund fehlender Informationen und Anleitung nicht, dass die Verwendung des Hammers die Lösung für seine Schwierigkeiten sein wird. Er wird statt dessen die Zange immer heftiger einsetzen, aber irgendwann frustriert aufgeben. Zudem wird er aus seinem Misserfolg schließen, dass er als Mensch wenig wert ist, weil er die erwartete Leistung im Gegensatz zu allen anderen nicht erbringen kann.
Die Nutzung der Zange ist in diesem Beispiel die Bewältigungsstrategie, das Symptom. Aber die Ursache liegt nicht in der Zange oder dem Hammer oder der vermeintlichen Krankheit / Störung des Menschen! Sie liegt einzig darin begründet, dass leider niemand diesen Menschen dazu angeleitet hat, einen Hammer auszuwählen und erfolgreich zu benutzen.

In Beratung und Therapie findet der Klient gemeinsam mit dem Therapeuten heraus, welche Ursache hinter einem Symptom steckt. Der Klient versteht dann seine bisherige Denk- und Verhaltensweise. Er kann dann die daraus bisher entstandenen Gefühle und Konsequenzen als Folge seiner schlecht funktionierenden (dysfunktionalen) Bewältigungsstrategie erkennen.

Im nächsten Schritt entdeckt der Klient unter Begleitung des Therapeuten neue, konstruktive (funktionale) Denk- und Verhaltensweisen, die als echte Problemlösung individuell zu seiner Persönlichkeit und zu seinen Neigungen passen. Der Therapeut begleitet den Klienten bei diesem Lern- und Erfahrungsprozess, sodass die Umsetzung funktionaler Denk- und Verhaltensweisen im Alltag erfolgreich und möglichst effizient verläuft. Wichtig: Der Therapeut beeinflusst den Klienten nicht, bestimmte Problemlösungen oder Verhaltensmuster zu wählen oder zu vermeiden.

Beispiel 2: das dubiose „Störungsbild“ AD(H)S: Menschen mit der AD(H)S-Symptomatik haben mit Sicherheit besondere Ausprägungen ihrer natürlichen Temperamente. Das bedeutet aber nur, dass sie lernen müssen, mit diesem Temperament passend umzugehen, sodass es im Miteinander mit anderen Menschen und unter den Anforderungen des Lebensalltags nicht zu unnötigen Konflikten kommt.
Dazu benötigen die Kinder mit diesem Temperament eine besondere Anleitung. Leider sind damit meist die Eltern und andere wichtige Bezugspersonen (Verwandte, Kindergärtner / Pädagogen, Lehrer) überfordert. Und so können diese Kinder nicht erlernen, wie sie sich selbst besser regulieren können und ihre Eigenheiten und ihre besonderen Fähigkeiten konstruktiv nutzen können.

Beratung und Therapie dienen der Nach-Entwicklung menschlicher Qualitäten

An diesen beiden Beispielen wird auch deutlich, warum die leider übliche Diagnose-Methode zu psychischen Problemen problematisch ist: Bloß, weil ein Mensch z.B. in seiner Kindheit nicht erlernt hat, wie Beziehungen zwischen Menschen erfreulich und konstruktiv gestaltet werden können, kann man ihn doch nicht als „krank“ oder „gestört“ oder „behindert“ abstempeln! – Ich kann es nicht oft genug betonen:
Symptome, Auffälligkeiten und Besonderheiten eines Menschen in seinem Denken, Fühlen und Verhalten sind niemals Ausdruck einer Krankheit oder Störung oder Behinderung – (solange sie nicht auf nachweisbar auf einer organischen Erkrankung beruhen wie z.B. Demenz, Schädel-Hirntrauma, Parkinson, Multiple Sklerose usw.)

Es geht darum, in einer Therapie die meist in Kindheit und Jugend aufgrund ungünstiger Umstände unzureichend entwickelten Fähigkeiten nachzuentwickeln. Die Schematherapie folgt dieser Überlegung. Mich hat diese therapeutische Grundhaltung von Anfang an begeistert, denn ich fand hierbei die menschliche Würde am besten respektiert. Deshalb habe ich mich für diese Therapieform entschieden und sie zu meiner Kernkompetenz entwickelt.

Therapie sehe ich weniger als Behebung von „Störungen” oder „Krankheit” oder von „Anormalität”, sondern als Nachschulung oder Nachentwicklung von Fähigkeiten für's Leben!

Mit dieser Sichtweise vermeide ich zugleich die sonst notwendige Unterscheidung zwischen „Normal” und „Gestört” und vergebe auch keine diagnostische Etiketten. Psychische Diagnosen führen meiner Erfahrung nach in unserer übermäßig leistungs- und perfektions-fokussierten Gesellschaft schnell zur Stigmatisierung, zur Ausgrenzung, zu Beschämung und Beschädigung des Selbstwerts.

Wer meinen vorstehenden Argumenten folgt, wird zu einer fast revolutionären Erkenntnis kommen:
Psychische Erkrankungen gibt es nicht!
Sie sind eine Erfindung des kapitalistischen Gesundheitswesen, um auch dieses Themenfeld gewinnbringend zu erschließen.