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Diagnose AD(H)S und was die Kinder wirklich fühlen

von Udo Baer und Waltraut Barnowski-Geiser
Taschenbuch: 166 Seiten; Verlag: Beltz; Auflage: 1 (26. Januar 2009);
ISBN-13: 978-3407858818; 12,95 Euro

Als ich dieses Buch las, war ich angenehm berührt von den einfühlsamen Einsichten, aber auch von der angenehm ruhigen, liebevollen Sprache zweier Psychotherapeuten.
Hier wird AD(H)S-Therapie vorgestellt, wie sie wirklich sein sollte und ich erkenne diese Vorgehensweisen aufgrund meiner eigenen Kindheitserinnerungen sofort als richtig! Als ich die Fallbeispiele und das therapeutische Vorgehen der Autoren las, habe ich vor Berührtheit geweint. Denn genau so hätte ich mir gewünscht, als Kind angenommen und beachtet zu werden!

Und das Vorwort unterschreibe ich ebenfalls sofort: Die Autoren äußern ihren Zorn, ihren Frust darüber, dass der Kostendruck im heutigen Gesundheitswesen, aber auch der (Leidens-)Druck der Eltern oder Lehrer (das Kind muss schnellstens „normal” werden) zur fast zügellosen Verordnung von Psychopharmaka verleitet, statt geduldig das Engagement einer oft über 1-jährigen Therapie auf sich zu nehmen, aufgrund derer dann das Kind erlernen kann, wie es ohne Medikamente und ganz aus eigener Kraft mit seinem besonderen Temperament konstruktiv umgehen kann.

Besonders erfreut hat mich die Schilderung, wie wichtig die Einbeziehung aller Bezugspersonen in eine Therapie ist. (Diesen als „systemisch” bezeichneten Ansatz nutzt auch die „Schematherapie für Kinder und Jugendliche”.) Denn auch aus zahlreichen Biografien meiner Klienten weiß ich, dass Eltern und Lehrer dazu neigen, durch rigide Erziehungsmaßnahmen, Strafen und Ausüben von Druck das Kind zu einem angepassteren Verhalten zu bringen. Oder im anderen Extrem, es zu vernachlässigen und fast keine Grenzen zu setzen.

Damit aber treten sie einen Teufelskreislauf los, der alle daran Beteiligten extrem belastet: Denn fast alle störenden Verhaltensweisen der Kinder werden erst durch das Verhalten der Bezugspersonen hervorgerufen! Sie sind Folge und nicht die Ursache dessen, was als AD(H)S bezeichnet wird!
Und dann die Diagnose AD(H)S dient allen Beteiligten als billige (Schein-)Lösung des entstandenen Schadens: Alle Beteiligten an dem Teufelskreis entlasten sich zu Lasten des Kindes, indem das Kind als „gestört” abgestempelt wird und ihm die alleinige Last auferlegt wird, sein Verhalten anzupassen, oft mit der heimtückischen Gewalt eines Medikaments unterstützt.

Das Kind leidet unter dieser Belastung am meisten und entwickelt Bewältigungsstrategien, um sein Leiden erträglicher zu machen. Diese Bewältigungsstrategien sind immer schädigend und können Ausmaße annehmen, die von unerfahrenen Therapeuten dann sogar als schwere psychische Störungen fehl-diagnostiziert werden. Mir sind Fälle bekannt, in denen Kinder aufgrund solcher Fehldiagnosen (wie schizoide Störung, manisch-depressiv, Schizophrenie) in der Psychiatrie weggesperrt worden sind!

Um wirklich den oben beschriebenen Teufelskreislauf wirksam und nachhaltig durchbrechen zu können, ist eine systemische Einbeziehung aller Bezugspersonen nötig, um sich eskalierende Abwärtsspiralen nachhaltig zu unterbrechen. Die Autoren bedauern dabei, dass eben diese systemische Arbeit aber aus verschiedensten Gründen der Beteiligten nicht akzeptiert wird — zum Nachteil des Kindes!

Aber auch auf Seiten der Forscher, der Verfasser von diagnostischen Leitlinien und AD(H)S-Testfragebögen sowie der Fachliteratur fehlt bisher die systemische Betrachtungsweise. Es kann nicht oft genug betont werden: Viele der Symptome, die als „typisch” für AD(H)S beschrieben werden, sind in Wirklichkeit Reaktionen auf das belastende Verhalten der Bezugspersonen und der Umwelt auf diese Kinder!!!
Um systemisch therapieren zu können, ist die Einbeziehung und das aktive Mitwirken aller Beteiligten erforderlich. Und es ist Geduld und viel zeit erforderlich. Zudem müsste eine Therapie so früh wie möglich beginnen, bevor sich Abwärtsspiralen zu drehen beginnen und sich dysfunktionale Bewältigungsstrategien in den Kindern verfestigen. — Genau in dieser Einsicht der Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen arbeiten die Autoren dieses Buches! Das begeistert mich, weil ich es aufgrund der Erinnerungen an meine eigenen Kindheitserlebnisse als richtig und stimmig erlebe!

Es wundert mich nicht, dass hier zwei Heilpraktiker für Psychotherapie als Autoren aktiv geworden sind. Denn sie sind nicht in den Strukturen und Vorgaben unseres kaputten Gesundheitssystems gefangen, in dem es mehr um Geld als um die Menschen geht. So können sie es sich leisten, ihre eigenen Erkenntnisse in neuen Therapie-Ansätzen umzusetzen, voller liebevollem, geduldigem Engagement zugunsten der Kinder mit diesem besonderen Temperament! — Ich selbst gehe als Therapeut sehr ähnlich vor!

Gegen Ende des Buches kommen auch einige Erwachsene mit der Besonderheit AD(H)S zu Wort. Wieder werden die Aussagen der zuvor zitierten Kinder bestätigt, indem diese Erwachsenen auf ihre Kindheitserfahrungen zurückblicken und äußern, was sie damals wohl eher als Hilfsangebot gebraucht hätten. Ich bin darüber sehr froh, nicht nur, weil diese Erwachsenen zitiert werden, sondern vor Allem, weil durch die Beobachtungen und Folgerungen in diesem Buch endlich ein realistisches Bild gezeichnet wird von dem, was AD(H)S tatsächlich ist. Und weil in diesem Buch nicht „die offizielle Lehrmeinung nach ICD-10 / DSM IV” kritiklos nachgebetet wird.
Die Richtigkeit der Aussagen in diesem Buch wird sowohl durch die vielen Schilderungen der betroffenen Klienten erhärtet, als auch durch die nachweisbaren Therapie-Erfolge, die die Autoren mit ihrem therapeutischen Vorgehen und der zugrunde liegenden anderen Sichtweise erreichen!